Freitag, 11. November 2016

Mauern, Brücken und jede Menge Mist.



Zum dritten Mal standen Maxie und ich am vergangenen Freitag vor den Jungs und Mädchen im palästinensischen Flüchtlingslager, um Englisch zu unterrichten. Wir starten mit dem Lied „Head, shoulders, knees and toes“ - singen mit und zeigen passend zur Musik auf die entsprechenden Körperteile. Die Kinder scheinen begeistert, singen laut mit und machen freudig die Bewegungen nach. Im Anschluss versuchen wir unser Glück mit Frontalunterricht, lassen die Schüler die Körperteile buchstabieren, bevor sie die Begriffe in ihre Hefte schreiben. Während uns die Kinder in der vergangenen Woche keine ruhige Minute gelassen hatten, verließen wir das Lager an jenem Tag mit einem guten Gefühl: Dieses Mal gelang es uns wesentlich besser, die Gruppe in Zaum zu halten, Inhalte zu vermitteln und gleichzeitig Spaß an der Arbeit zu haben. Dennoch war dies bedauerlicherweise der letzte Besuch in der Klasse der 5-10 Jährigen. 
Blick auf das Wadi Qadisha
Unsere Universität hat den Wunsch geäußert, aufgrund der Sicherheitslage im Flüchtlingslager den Freiwilligendienst über eine Einrichtung laufen zu lassen, die von der Hochschule vermittelt wurde. In unserem Fall erhielten wir den Kontakt zur NGO über eine Studentin. Da vor Ort keine Person anwesend ist, die sich für uns in irgendeiner Form verantwortlich fühlt geschweige denn Englisch spricht, scheint es letztlich sowohl für die Leitung unserer Uni, als auch für uns in der Praxis unkomplizierter, eine neue Einrichtung über bestehende Kontakte zu suchen. Trotzdem tut es mir leid, die Kinder jetzt wieder zu verlassen, die wir gerade erst ein wenig kennengelernt hatten.

Am vergangenen Wochenende stand der lang ersehnte Besuch im Qadisha Tal bevor. In den Bergen wandern wir mehrere Stunden mit unserer Dozentin Dr. Rima durch das bezaubernde Wadi, um mehrere Klöster zu bestaunen. 


Keine Frage: Sollte irgendwer in Zukunft beschließen, die Herr der Ringe Trilogie erneut zu verfilmen, wären die Berge und Wälder eine perfekte Kulisse. Für die meisten geht es nach der langen Wanderung zurück nach Beirut. Nur sieben von uns haben beschlossen, auch den kommenden Tag in den Bergen zu verbringen. 
Während sich der Bus also zurück in die Hauptstadt bewegt, werden wir von einem Taxie-Truck durch die Berge zu unserer Schlafstätte gebracht: Müde und ein wenig fröstelnd landen wir am Abend im Mar Antonius Qozhaya Kloster. 
Mit dem "Truck-Taxie" auf dem Weg ins Kloster
Die Fahrt im offenen Truck war dank der Aussicht auf die Berge und die untergehende Sonne atemberaubend, gleichzeitig aber auch sehr windig. Im Kloster werden wir freundlich in Empfang genommen, essen zu Abend und wärmen uns mit einer Tasse Tee auf. Während es die anderen sechs bei einem Salat belassen, bestelle ich hungrig das Tagesgericht, das so groß ist, dass es letztlich beinah für die ganze Gruppe gereicht hätte. 

Klassenfahrtzustände
Maxie und Pocahontas

















Da das Kloster einigermaßen stark ausgelastet ist, schlafen wir alle gemeinsam in einem Achterzimmer, das für ein gediegenes Klassenfahrtambiente sorgt. Die Abendstunden verbringen wir mit 'Wer bin ich?' ( = Pocahontas! <3 ) und dem Erraten von pantomimisch dargestellten Begriffen. 
Wandmalerei in einem maronitischen Kloster
Am kommenden Morgen besuchen wir den maronitischen Gottesdienst, der sich – im Gegensatz zur Messe der Assyrer – aufgrund vieler bekannter Elemente aus der katholischen Kirche wesentlich vertrauter anfühlt. 
Shit happens..
Im Anschluss starten wir unsere zweite Wanderung des Wochenendes, die uns im wahrsten Sinne des Wortes durch die Scheiße führt: Angelangt in einem kleinen Dorf stehen wir vor der Herausforderung, auf die andere Seite des Wadis zu kommen.
Blick auf das Tal

Das bedeutet: Den Abhang herunter, über den Fluss, und dann wieder hoch auf einen Weg im Tal. Der Weg zum Fluss führt uns durch jede Menge Tiermist, der – entweder als Dünger oder als Abfallprodukt - auf den Feldern liegt. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Wir werden den bezaubernden Pfad an diesem Tag nicht nur ein, sondern ganze vier Mal betreten. Da der Pfad an jener Stelle nicht ausgeschildert ist, begeben wir uns kurze Zeit später vom Hang zurück ins Dorf, um uns nach dem Weg auf die andere Seite zu erkundigen. Die Bewohner bestätigen uns in einer Mischung aus Arabisch und Französisch, dass der Weg durch den Mist der richtige sei. Also laufen wir wieder zurück, passieren Mist, Müll und ominöse Spritzen am Wegesrand, und klettern zum Fluss, um von dort auf die andere Seite zu gelangen. Soweit, so gut. Auf der anderen Seite angekommen stellen wir allerdings einigermaßen frustriert fest, dass sich kein Weg finden lässt. Die Berge sind hoch und steil – ohne Wanderweg können und wollen wir das Gebirge nicht erklimmen.
Resigniert müssen wir nach einigen Stunden also erneut umkehren, zurück über den Fluss, den Berg wieder hoch, ein letztes Mal über den mistigen Abhang. We've got that shit done! Allerdingst ohne den richtigen Weg gefunden zu haben. Stattdessen begeben wir uns auf die nächste Straße, um aus dem Norden des Landes zurück nach Beirut zu kehren. 
Wer mehr über unseren Ausflug ins Qadisha Valley lesen möchte, oder Lust auf noch mehr Eindrücke aus Beirut hat, kann übrigens auch auf Maxies Blog vorbeigucken. Ihr findet ihn hier.
Nach einem erfrischenden Wochenende kehren wir in den Alltag der Stadt zurück. Arabischunterricht, Vorlesungen, Andachten. Auch in dieser Woche steht für Maxie und mich eine weitere Andacht an, die wir erneut gemeinsam halten. 
Gibt es was schöneres als sonnigen Herbst? Bezweifel ich.
Zum ersten Mal beschließe ich in dieser Woche, einen etwas längeren Impuls zu schreiben, der sich – anlässlich des 9. Novembers - mit Mauern und Brücken befasst. Ein Thema, das mir am Herzen liegt – und nach der U.S-amerikanischen Wahl eines Mauern-statt-Brückenbauers umso relevanter scheint. Lieder suchen, Ideen sammeln, Gebete finden – die Andacht hat in dieser Woche relativ viel Zeit in Anspruch genommen. Umso mehr habe ich mich über das positive Feedback gefreut. Erneut muss ich mir eingestehen, dass mir die Gestaltung der Andachten wesentlich mehr Freude bereitet, als ich mir je hätte eingestehen wollen. Oder wie Jan es formuliert hat: Offenbar hast du das Pfarrerinnen-Gen doch dominant vererbt bekommen.. Ob es dazu je kommt, wage ich allerdings nach wie vor einigermaßen zu bezweifeln. Maxie, Lydia und ich stehen geschlossen an der kulturprotestantischen Front - und überlassen die spirituellen Beiträge meist den anderen.
Während der Alltag seine Pflichten mit sich bringt, bin ich nebenher außerdem damit beschäftigt, meine Zukunft in Deutschland zu planen und eine erste Bewerbung fertigzustellen. 


Selten war mein Leben und Alltag in den letzten zehn Jahren dermaßen kirchengeprägt wie in diesen Tagen: Neben Ausflügen, obligatorischen Gottesdienstbesuchen und unserem historischen Kirchenseminar steht Ende des Monats auch der Weihnachtsbasar der deutschen Gemeinde an. Ein Highlight des Kirchenjahres, an dem wir uns „freiwillig verpflichtend“ beteiligen dürfen. 

Weihnachtskränze, deutsche Wurst und Sauerkraut: Am ersten Advent werden etwa 1000 Besucher aus dem ganzen Land erwartet, die mit kulinarischen Köstlichkeiten und weihnachtlicher Stimmung versorgt werden sollen. 
Weihnachtsbusiness bei sommerlichen Temparaturen
Über dreißig Lebkuchenhäuser wurden in den vergangenen Tagen gebacken und gebaut, die derzeit noch verziert werden müssen. Über vier Stunden saß ich bei strahlendem Sonnenschein auf der Terrasse, um zwei Häuser mit Zuckerperlen, Gummibären und sauren Schlangen zu verzieren.

Am Ende des Monats steht außerdem ein erster Besuch im Lande der Zedern an, auf den ich mich seit meinem Abflug freue: Jan wird seine letzten Urlaubstage in Beirut verbringen, und mir hoffentlich jede Menge Rapperinterviews, Norah Jones und Samba-Schokolade mitbringen... Da in der Uni kein Besuch erlaubt ist, werden wir für eine Woche in eine Airbnb-Unterkunft in der Nähe ziehen – ich baue auf eine stabile Internetverbindung für ausstehende Computerupdates!
Für die kommende Woche stand das Konzert der bezaubernden Hindi Zahra in meinem Kalender – bedauerlicherweise aber wurde es, kurz nachdem ich mir ein Ticket gesichert hatte, wieder abgesagt. Eine Begründung gab es nicht, allerdings wird es wohl im Frühling nachgeholt.
Neben Weihnachtsvorbereitungen bei sommerlichen Temperaturen und jeder Menge Lesestoff sitzen wir momentan drei Stunden zwei Mal wöchentlich im Arabischunterricht, lernen Vokabeln und versuchen gemeinsam mit unserem Lehrer aus Wortfetzen erste Sätze werden zu lassen. Drei Stunden am Stück ist eine Menge - und ich bin noch sehr unsicher, welcher Unterricht mir bisher besser gefallen hat. Da man hier seine Kurse jeweils für einen Monat abschließt und bezahlt, werden wir uns vermutlich zu Beginn des neuen Jahres für eine Lernform entscheiden.
Kürzlich hatte ich immerhin mein erstes Gespräch auf 'Arabisch' mit einem „Tütenpacker“ an der Kasse im Supermarkt. Das ging etwa folgendermaßen: „Ich brauche keine Tüte“, sagte ich dankend, bevor ich meinen Einkauf in meinen Rucksack packte. Er lächelte. „Russland?“ War seine Antwort, auf Maxie und mich zeigend. Ich schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Deutschland!“ Wieder ein Lächeln. Wann werde ich in diesem Leben eigentlich nicht mehr für eine Russin gehalten. Man weiß es nicht.
Unser Einkauf bestand übrigens aus einer Packung Plastiktellern und Gabeln. Weil es an unserer Uni am Morgen nur Tee gibt, führt mich mein erster Spaziergang an nahezu jedem Morgen zu „Cafe Art“ - einem kleinen Kiosk mit Kaffeemaschine. Auf dem Weg dorthin begegnen uns regelmäßig Straßenkinder, die Kaugummis oder Taschentücher verkaufen und uns darum bitten, ihnen Essen zu kaufen. Es fühlt sich unfair und einigermaßen arrogant an, jeden Morgen dankend abzulehnen und bei zu viel Körperkontakt hin und wieder auch lauter zu werden.

Gleichzeitig ist es uns schlichtweg nicht möglich, jeden Morgen allen bettelnden Kindern und Müttern gerecht zu werden. An eben jenem Tag aber hatten wir noch drei Mahlzeiten übrig, die uns die Küche zur Seite gestellt hatte, da wir zur Zeit des Abendessens im Arabischunterricht saßen. Weil wir letztlich außerhalb gegessen hatten, beschlossen wir kurzerhand, die drei Mahlzeiten auf die Plastikteller zu verteilen und auf der Straße zu verschenken. Während einige Kinder dankend ablehnten, und nach wie vor um einen Wrap aus der Bäckerei baten, wurden die kleinen Teller von anderen freudig entgegengenommen. Zwischen Range Rovern, Anzügen und operierten Nasen auf den Straßen Hamras sickert durch die Anwesenheit der Straßenkinder immer wieder eine andere Realität in das teure Viertel, die tiefe Abgründe vermuten lässt. Täglich begegnen uns große Gegensätze - sichtbare und unsichtbare Mauern, die nicht leicht zu überwinden scheinen. Trotzdem hoffe ich, in den kommenden Wochen hinter möglichst viele Fassaden blicken zu dürfen.

Freitag, 4. November 2016

Zwischen neuem Präsidenten und Shu-iten.



Kanzler- und Präsidentenportraits, Hamra
Nach dem Mittagessen bleibt meist nur wenig Zeit für eine Runde Kaffee und ein Blick ins Vokabelheft. Meist erreichen wir die Sprachschule wenige Minuten vor Beginn des Unterrichts. Zwischen uns und der arabischen Heidi Klum liegen vier Stockwerke, die Lydia normalerweise läuft, während Maxie und ich meist mit dem Fahrstuhl Vorlieb nehmen. So auch an jenem Tag, als wir gemeinsam mit einer weiteren Frau den türlosen Lift betreten. Kurz vor dem vierten Stock geht plötzlich das Licht aus. Wir bleiben stehen. Für einen Moment fühlt es sich so an, als würde der Fahrstuhl ein Stockwerk tiefer sinken. Es ist drei Uhr. Und Stromausfall. So, wie jeden Tag – drei Mal mindestens. Weil die Stadt Beirut ihre Bürger nur mit sechs Stunden Strom am Tag versorgt, sind Hausbesitzer auf Generatoren angewiesen, mit denen sie selbstständig dafür sorgen, dass in den stromfreien Stunden trotzdem alles erleuchtet ist. Im wohlhabenden Hamra gehen die Lichter meist nach wenigen Sekunden wieder an, da sich hier offenbar die meisten Bewohner einen hauseigenen Generator leisten können. In anderen Vierteln ist dies hingegen nicht der Fall. Dort greift die Bevölkerung entweder auf ein illegales Stromnetz zurück, oder bleibt schlichtweg ohne Versorgung. Gerade in benachteiligten Stadtteilen und Flüchtlingslagern scheint ein Netz aus (illegalen) Kabeln die Straßen zu überdachen. 
Arabisch mit Maxie, Lydia und der libanesischen Heidi Klum
Nicht nur an fließendem Strom, auch an fließendem Wasser mangelt es den Libanesen. In den vergangenen Wochen wurden wir an der Universität dazu aufgerufen, besonders in dieser wasserarmen Zeit auf unseren Verbrauch zu achten, da – ähnlich wie beim Strom – die Hochschule nur für wenige Stunden Wasser aus staatlicher Quelle erhält, und sonst darauf angewiesen ist, für das übrige Wasser privat aufzukommen. Je nach Wasserzufuhr schmeckt das Wasser aus dem Duschkopf mal mehr und mal weniger nach Mittelmeer – trinkbar ist es zu keiner Zeit. 
Letzte Woche: Sport mit der dänischen NGO
Neben all den schönen Bildern der Natur und den verwunschenen hübschen Ecken der vom Krieg gezeichneten Stadt gibt es auch eine andere Seite, die den Alltag prägt und die Armut und das Chaos des Landes verdeutlicht.
Wanderung in Tannourine
An dritter Stelle der begrenzten Ressourcen steht außerdem das Internet, durch das wir an der N.E.S.T mit monatlich 6 GB surfen können. Meine Leidenschaft für Rapper und pubertäre Youtuber muss in diesen Monaten gezwungenermaßen eine Pause einlegen. Stattdessen malen Maxie, Lydia und ich in Zeiten der Prokrastination meist Mandalas aus, die später zu Briefumschlägen umfunktioniert werden. An dieser Stelle herzliche Grüße an Frau Kesselgruber und lieben Dank für das lebensprägende Motto „Da kann man immer noch 'nen Briefumschlag draus basteln!“, das deutliche Spuren hinterlassen hat. Der Fahrstuhl fuhr übrigens wenige Sekunden später wieder hoch. In der vergangenen Woche haben wir die letzte Stunde bei Frau Klum belegt, und sind seit dieser Woche – wie geplant - in einem anderen Sprachinstitut.
Orthodoxer Prunk
Alle zwei Wochen findet Mittwochs im „Radio Beirut“ eine Hip-Hop Session statt, bei der bekannte Künstler und junger Nachwuchs ihre Fähigkeiten zum Besten geben können. Nachdem ich seit Jahren versuche, all meine Freunde von der gesellschaftlichen Wichtigkeit meiner geliebten Rapperinterviews zu überzeugen, habe ich in Maxie endlich einen Menschen gefunden, der mein Anliegen teilt. In der kleinen Bar in Gemmayzeh treffen wir auf einige uns bereits bekannte Gesichter. Erst seit Ende des Bürgerkrieges hat sich die Szene entwickelt, deren Anhängerzahl wahrlich überschaubar scheint. Während viele Besucher bereits nach kurzer Zeit wieder verschwinden, bleiben Maxie und ich nahezu bis zum Schluss, was uns die Gunst des Rappers „Chyno“ einbringt, der bei einem kurzen Gespräch von seiner diesjährigen Tour in Deutschland erzählt. Menschen mit mehr Internet als mir und Interesse an Rap sei an dieser Stelle ein Besuch auf Youtube empfohlen.
Libanesischer Herbst.
Bereits am nächsten Morgen steht für mich und Maxie die bereits zweite Andacht auf dem Plan. Wir befassen uns mit dem 12. Kapitel des 1. Korintherbriefs und laden die Anwesenden zu einer kleinen Schreib-Meditation ein, die sie von ihren Plätzen durch die kleine Kapelle führt. Einige der eher konservativ geprägten Studierenden scheinen mit kreativen Ansätzen hin und wieder etwas überfordert, wenngleich wir von den Dozierenden dazu angeregt worden sind, die Andachten nach unseren Wünschen zu gestalten.
Blick vom Balkon in Douma
Auch vor dem Wochenende macht das N.E.S.T-Bedürfnis nach Gemeinschaft nicht Halt. Das letzte Oktoberwochenende steht im Zeichen des „Fall Retreats“, das die gesamte Studierendenschaft gemeinsam mit den Lehrenden in die Berge des Landes führt. Zwei Nächte verbringen wir in Douma, einem christlich geprägtem Dorf in der Nähe Batrouns. Es tut gut, frische Luft zu atmen, und fern von dem allseits präsenten Lärm der Stadt zu sein. 
Wanderung durch die Berge
Während der Freizeit steht neben der Gemeinschaft die Geschichte Jakobs im Vordergrund, die in Kleingruppen in theologischen und persönlichen Gesprächen beleuchtet wird. Am Samstag machen wir außerdem eine Wanderung in das „Johannes der Täufer-Kloster“ Doumas, in dem einige von uns an einem Griechisch-Orthodoxen Gottesdienst der Nonnen teilnehmen, die vollkommen in schwarz gekleidet sind und seit ihrer „spirituellen“ Eheschließung mit Gott keinen eigenen Vornamen mehr tragen.

Noch dazu erzählen die Frauen, dass sie täglich um 3:30 Uhr morgens aufstehen. Ein Lebensstil, der trotz des wunderschönen Klosters - in dem Fotografieren leider verboten ist – für mich wenig erstrebenswert klingt.
Auf unserer Rückkehr nach Beirut machen wir außerdem Halt in Tannourine, einer beeindruckenden Gebirgslandschaft, in der im Frühling Wasserfälle fließen, von denen derzeit nur kleine Pfützen erkennbar sind.

Gruppenbild der N.E.S.T Community
Im Mittelpunkt der hiesigen Woche stand die Vorbereitung auf die erste mid-term Klausur. Unser Islam-Dozent gab uns im Vorhinein eine detaillierte Beschreibung der bevorstehenden Fragen und Aufgaben, sodass wir uns sehr genau auf die Klausur vorbereiten konnten. Einerseits hatte ich in den letzten Tagen Gelegenheit, durch die intensivere Beschäftigung mit den Texten Zusammenhänge und historische Zahlen und Fakten besser zu begreifen. Andererseits aber erforderte die Arbeit wenig eigene Denkleistung und in erster Linie die Fähigkeit, auswendig zu lernen und das Wissen zum richtigen Zeitpunkt abzurufen. Ich hoffe, es ist mir schließlich am Donnerstagmorgen gelungen. Das Essay über Mohammed habe ich inzwischen zurück – und wenngleich ich mir die detaillierten Kommentare noch nicht angesehen habe, ist das Ergebnis sehr gut. Ich hoffe nach wie vor, dass wir untereinander Zeit finden, die verschiedenen Positionen über das Prophetentum besprechen zu können, da für die Nachbesprechung im Lehrplan leider kein Zeitfenster eingeplant ist.
Zwischen Range Rover und Hummer: Ein Autofahrer ohne
das nötige Kleingeld aber dafür mit Humor

Neben den Vorbereitungen für die Klausur haben Maxie und ich außerdem der American University einen weiteren Besuch abgestattet, um an einer Podiumsdiskussion zur Legislative und der öffentlichen Sphäre des Landes teilzunehmen. Denn nicht nur im Klassenraum, auch im Land hat sich in den vergangenen Tagen so einiges getan: Am Montag wurde nach 2 ½ Jahren ein Präsident gewählt.
Auf dem Weg ins Kloster...


Der maronitische Christ Michel Aoun, der bereits zu Bürgerkriegszeiten in das politische Geschehen involviert war, hat es nach langen Machtkämpfen an die Spitze geschafft. 
Während wir es leider verpasst haben, die Feierlichkeiten im Stadtzentrum zu beobachten, war es bereits eine Freude, die Wahlen im Fernsehen zu verfolgen. Während in Deutschland bei Abstimmungen im Parlament zu digitalen Mitteln gegriffen wird, sind die Libanesen nach wie vor auf Stimmzettel angewiesen. Dies führte dazu, dass in mehreren Wahlgängen zu viele Zettel abgegeben wurden, was die Wahl jedes Mal aufs Neue ungültig machte. Während Aoun im ersten Wahlgang nicht die benötigten Stimmen erhielt, um es bei einem Wahlgang zu belassen, muss der zweite Wahlgang mehrfach wiederholt werden. Letztlich werden zwei Männer eingesetzt, die sich neben die Wahlurne stellen müssen um zu überwachen, dass jeder Politiker auch wirklich nur einen Zettel einwirft.

Mit der nötigen Sozialkontrolle klappt es nun endlich, und die Zahl der Zettel korreliert schließlich mit den Anwesenden. Autokorsos, Feuerwerk und Schüsse bringen die Freude Aouns Anhänger zum Ausdruck. Die erzielte Einigung scheint ein Erfolg für die Christen des Landes, wenngleich ihre Einigkeit häufig an der Frage über den „richtigen“ Präsidenten und an politischen Fragen im Allgemeinen zu scheitern scheint. Während die libanesische Verfassung es voraussieht, dass ein maronitischer Christ das Amt des Präsidenten trägt, ist es an den Sunniten, den Premierminister zu stellen.
Präsidentenwahl
       















Der  wiederum wurde wenige Tage nach der Wahl des Präsidenten von Aoun am Donnerstag ernannt: Ab sofort soll Saad Hariri, der bereits von 2009 – 2011 an der Spitze stand, erneut das Amt übernehmen. Es scheint sich einiges zu bewegen in diesem Land, in dem die Politik so furchtbar verworren und kompliziert, und die Gesellschaft so gespalten erscheint.
Auch für das kommende Wochenende steht ein weiterer Ausflug mit der Uni auf dem Programm:
Wir werden das maronitisch geprägte Qadisha Valley besuchen, das als einer der schönsten Flecken des Landes gilt. Auf Anraten Lydias haben wir beschlossen, den Ausflug zu verlängern und eine Nacht im Kloster zu verbringen, um auch am Sonntag ein wenig weiter zu wandern und etwas länger von Natur umgeben zu sein.
Jeder Funken Herbst ein Gewinn
Blick auf Tannourine
In der Auseinandersetzung mit den Maroniten begegnen mir Fragen rund um die libanesische christliche Gesellschaft, denen ich mich in Deutschland noch nie gestellt habe. Eines der Themen, an dem sich die Christen neben der Frage über den Präsidenten spalten zu scheinen, ist die grundlegende Frage nach der Identität: Sind die Christen Araber, wie die Muslime des Landes? Stammen sie womöglich (so betonen es die Maroniten) von den Phöniziern ab und sind fern von arabischen Bezügen? Oder steht ihre christliche Identität schlicht im Vordergrund, fernab von nationalen Fragen? Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen religiösen Strömungen und Identitäten ist hier eng mit den politischen Aspekten des Landes verknüpft, und wird somit nicht nur spannend sondern auch sehr lebendig.
Spaziergang durch Douma
Neben den bereits bestehenden 18 Religionsgemeinschaften haben Maxie und ich übrigens bei einem Glas Wein eine 19. hinzugefügt. Bislang hat die Gemeinschaft lediglich zwei Mitglieder (Maxie und mich) und bedarf an etwas Werbung: Neben den Shiiten und Sunniten gibt es neuerdings auch die Shu-iten, die Agnostiker des Landes. (Das arabische Fragewort „shu?“ hat viele Bedeutungen, heißt in erster Linie aber „was?“). Diejenigen also, die sich zwischen all den überzeugten Gläubigen einfach nicht entscheiden können, seien an dieser Stelle herzlich eingeladen, unsere Gruppe zu stärken und sich in Unwissenheit und Hoffnung den Shu-iten anzuschließen.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Ein Herbst ohne Norah Jones.



Prokrastination ohne Youtube
Die vierte Woche in Beirut hält einen neuen Stapel Texte und eine Deadline für uns bereit. Uns bleiben nur wenige Tage, um ein Essay im Rahmen der Einführung in den Islam fertigzustellen. Die kurze Analyse beschäftigt sich mit der Frage, in welchem Verhältnis Christen zum Prophetentum Muhammads stehen. Obwohl ich mich in meiner Religionswissenschaftlerinnen-Ehre (falls es sowas geben sollte) teilweise dezent angegriffen fühle, als uns zur Lektüre Texte gegeben werden, die aus einer deutlich christlichen und teils semi-akademischen Perspektive geschrieben sind, kommt es durch die herausfordernden Artikel zu spannenden Diskussionen unter den Kommilitonen, die mich zum Schreiben, Nachdenken und Aufregen anregen. Ich bin sehr gespannt, wie unser Dozent auf meine Ausführungen reagieren wird, und hoffe auf eine angeregte Diskussion im Klassenraum.
Nachdem Maxie, Lydia und ich bereits in der vorigen Woche an einigen Ausflügen des 'al-sharq' Netzwerkes teilnehmen durften, begleiteten wir die Reisegruppe ein letztes Mal in die Heinrich-Böll Stiftung. Dort berichtete die Leiterin, Frau Dr. Bente Scheller, über die politische Lage des Landes seit Beginn der syrischen Flüchtlingskrise. Während wir in Deutschland mit einer Million Geflüchteten bereits maßlos überfordert scheinen, leben im Libanon zwischen 1-2 Millionen Syrer (mit genauen Zahlen hat es in diesem Land keiner so richtig..), bei etwa 4 Millionen Libanesen, etwa einer halben Million Palästinensern und einem Land, das etwa halb so groß wie Hessen ist. Dass diese Umstände nicht spurlos an der Bevölkerung vorbeigehen, liegt vermutlich auf der Hand. Umso spannender war es, einen fundierten und ortskundigen Überblick vermittelt zu bekommen, um die komplexen Verstrickungen langsam zu entwirren und Stück für Stück etwas besser zu begreifen.
Ausflug nach Gemmayzeh
Auf der Rückfahrt machen Maxie und ich einen kurzen Abstecher bei Virgin Records, dem wohl größten Musik- und Elektronikanbieter der Stadt. Es gibt nur eine Künstlerin, von der ich alle CDs besitze, und jene hat Anfang Oktober ein neues Album veröffentlicht: Norah Jones. Hoffnungsvoll folge ich der Aufforderung des Security-Manns am Eingang und überlasse ihm meine Handtasche (warum auch immer), bevor ich mich auf die Suche nach dem Album begebe. Bis auf etwa sechs Mitarbeiter ist der Laden leer. Kunden sucht man hier vergeblich. Ein Phänomen, das immer wieder ins Auge sticht: Ein völlig disproportionales Mitarbeiteraufkommen gemessen an der ausbleibenden Kundschaft. Selten steigern die zahlreichen Arbeitskräfte die Effektivität. Meist stehen sie sich augenscheinlich im Weg. Der große und moderne Laden wirkt, als sei in ihm etwa 2008 die Zeit stehen geblieben. Alles glänzt, doch das musikalische Angebot ist völlig veraltet. Das neue Album von Norah suche ich hier vergebens. Stattdessen sticht Maxie und mir in der Elektronikabteilung ein günstiger Scanner ins Auge. Seit wir bei unserem Copyshop-Fiasko zunächst 32 Euro für lächerliche 60 Seiten zahlten (von denen wir nach längerer Debatte zum Glück die Hälfte erstattet bekamen), und weil in der Uni die Scan-Funktion des Kopierers einfach nie funktioniert, beschlossen wir kurzerhand, das Gerät mitzunehmen. Unser Verkäufer war augenscheinlich etwas überfordert mit der Tatsache, dass tatsächlich endlich jemand etwas kaufen wollte. Überrascht stellte er fest, dass der Artikel nicht mehr im Sortiment vorhanden war, und packte uns kurzerhand das Ausstellungsmodell in einen Karton. Es wäre vermutlich zu einfach gewesen, hätte unsere Scanner-Geschichte an dieser Stelle ein Happy End gefunden. Stattdessen stellten wir beim Auspacken fest, dass der Verkäufer offenbar vergessen hatte, das Verbindungskabel zwischen Scanner und PC mit in den Karton zu legen. Ein Grund, wenige Tage später erneut in den Laden zu spazieren. 
Zunächst aber war es für mich und Maxie an der Zeit, eine erste Andacht an der N.E.S.T zu halten. Die tägliche Zusammenkunft zum kurzen Innehalten ist ein fester Bestandteil des Alltags an der Hochschule. Jede und Jeder ist angehalten, etwa ein Mal im Monat selbst eine Andacht zu gestalten. Mittwochs liegt der Schwerpunkt meist auf Liedern und weniger auf Texten, und weil unsere Andacht auf einen Mittwoch fällt, bestehen auch unsere 20 Minuten zum Großteil aus Musik und Gesang. Obwohl ich jener neuen Verpflichtung zunächst skeptisch entgegenblickte, macht es letztlich viel Spaß, selbst entscheiden zu dürfen, mit welchen Inhalten wir die Zeit füllen möchten.
Nach einer Uni-intensiven Woche und der Fertigstellung des Textes über Muhammad wird es Zeit, für einen Abend außerhalb von Hamra. Zunächst aber begeben wir uns erneut in den Virgin Store, um darüber in Kenntnis gesetzt zu werden, dass das fehlende Verbindungskabel nicht zum Standardpaket dazugehört. Einigermaßen irritiert versuche ich herauszufinden, wie sich erklären lässt, dass Drucker und Scanner standardmäßig ohne das entscheidende Kabel verkauft werden, mit dem sich das Gerät erst benutzen lässt. Eine überzeugende Antwort auf diese Frage hat unser Verkäufer leider nicht, dafür aber ein extra abgepacktes Kabel, für weitere acht Dollar... Nach einer längeren Odyssee ist es uns nun also endlich möglich, Dateien zu scannen und bei Bedarf auch zu drucken. Weil sich im selben Geschäft auch eine Konzertkasse befindet, werde ich immerhin zufällig darauf aufmerksam, dass Mitte November die marokkanische Band Hindi Zahra ein Konzert in Beirut geben wird! Eine Veranstaltung, die ich mir nicht entgehen lassen kann. Die zauberhafte Musik und die eingängige Stimme der Sängerin haben mich in den letzten Jahren immer wieder beglückt und begleitet.

Geschichtenabend in Gemmayzeh
Nach unserem Kabelkauf verbringen wir den Abend im angesagten Gemmayzeh in einem Café, in dem Geschichtenerzähler angehalten sind, ihre Anekdoten mit dem Publikum zu teilen. Einige erzählen auf Arabisch, andere auf Englisch. In dem großen Laden trifft sich offenkundig die intellektuelle Elite und die Studierendenschaft der American University. Wir lachen über einen Ankunftsbericht eines amerikanischen Studenten, und staunen nicht schlecht, als wir bei einer arabischsprachigen Geschichte immerhin einigermaßen viele Vokabeln wiedererkennen.
Am kommenden Morgen mache ich mich ein zweites Mal mit Maxie auf den Weg ins Flüchtlingslager, um mit ihr Englisch zu unterrichten. Während die etwa fünfzehn Schüler in der vergangenen Woche beim ersten Aufeinandertreffen erstaunlich lieb und brav erschienen, ist das Eis in der zweiten Stunde augenscheinlich gebrochen. Den Kindern bereitet es große Freude, uns wie wild auf der Nase herumzutanzen. Ein Junge versteckt sich hinter der Tafel, ein Mädchen unter einem Plakat, ein anderes Kind wirft einen Tisch um und die Packung Druckerpapier, die wir für Schreibübungen mitgebracht haben, scheint wie von Zauberhand immer leerer zu werden. Als die ersten Papierbälle fliegen, ist das Chaos endgültig ausgebrochen. Während Maxie und ich mit unseren drei Brocken Arabisch versuchen, einigermaßen für Ruhe zu sorgen, ist es den Kindern ganz offensichtlich ein großer Spaß, unsere Grenzen auszutesten. Weil wir freiwillig und ohne bindende Verpflichtungen im Klassenraum stehen, können wir die mittelschwere Katastrophe gut verkraften und hoffen, in der nächsten Woche mit konsequentem Frontalunterricht wieder mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Da es für die palästinensischen Kinder keine normalen Schulen gibt, ist die Einrichtung in der wir unterrichten in erster Linie ein Zufluchtsort für die Kinder, an dem sie von der Straße fernbleiben und ihre Zeit einigermaßen sinnvoll verbringen können. Ohne jede Aussicht auf eine vielversprechende Zukunft fehlt es den Kindern an jeglicher Perspektive. Zwei Mädchen, die uns noch wenig zuvor ordentlich an der Nase herumgeführt haben, bringen uns nach der lauten Stunde zwei Gläser Wasser und grinsen uns mit unschuldigen Augen an. Es fällt schwer, ihnen wirklich böse zu sein. Den Abend lassen wir mit unseren männlichen deutschen Kommilitonen und Salam, einer syrischen Studentin der N.E.S.T, bei einem Bier in Hamra ausklingen.
Blick auf Byblos
Am kommenden Tag steht unser erster selbst organisierter Ausflug auf dem Programm: Lydia, Maxie und ich fahren mit öffentlichen Bussen nach Byblos, einer der am längsten besiedelten Orte der Welt. Dort begeben wir uns nicht nur auf die Spuren der Kreuzfahrer, sondern können auch an einem zauberhaften Sandstrand Ende Oktober im Mittelmeer baden. Die malerische kleine Stadt scheint ein Anziehungspunkt für libanesische Touristen, die zwischen Restaurants und Basar den Alltag vergessen können. Die Stadt fühlt sich ein bisschen an, wie ein orientalisches Ostseebad: Hier gibt es Meer, Souvenier- und Postkartenstände und jede Menge Essen. Es tut gut, die Aussicht auf die Steinwüste Beiruts für einige Stunden hinter sich zu lassen, und gegen das Meer und antike Gebäude auszutauschen.
Herbst in Byblos
Die Busfahrten sind nach wie vor ein kleines Abenteuer. Wenngleich die Busfahrer und auch die meisten Passagiere äußerst höflich sind, fühle ich mich trotzdem am wohlsten, wenn Maxie oder Lydia neben mir sitzen, und ich mich vor ungewollten Berührungen sicher fühlen kann. Männliche Blicke und Kommentare fallen im Großen und Ganzen wesentlich zurückhaltender aus, als ich erwartet hätte – und doch fällt das offensichtliche Nähebedürfnis einiger Männer gerade in den Bussen hin und wieder unangenehm auf.
Zu viel Worship gehört in den letzten Wochen..
Am Sonntag widme ich mich wieder der Uni und der ausstehenden Lektüre, und spaziere am Abend mit Maxie zum ersten Mal zu den Taubenfelsen, eine der bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Während wir den malerischen Sonnenuntergang bewundern stellen wir wieder ein Mal fest, dass sich der nicht-arabischsprachige Tourismus äußerst in Grenzen hält. Jeder „westlich“ erscheinende Tourist fällt uns sofort auf.
Taubenfelsen in Beirut
Die neue Woche beginnt mit einem morgendlichen Besuch in Gemmayzeh bei dem Maxie und ich feststellen müssen, dass die nachts so lebendige Gegend am Morgen ausgestorben zu sein scheint. Nach einem langen Spaziergang landen wir im 'Saifi Village', einer kleinen touristischen Oase, die ein Hostel, eine Sprachschule und ein nettes Restaurant beherbergt. Unseren Ausflug nutzen wir sogleich, um die Konditionen der Sprachschule zu erfragen. Voraussichtlich werden wir ab kommender Woche dort Arabisch lernen, um zwei Stunden mehr pro Woche zu nehmen, und gleichzeitig eine neue Lehrerin zu 'testen'. Am Abend machen Lydia, Maxie und ich es uns auf dem Balkon gemütlich, um eine Dokumentation über die syrischen Geflüchteten im Libanon anzusehen, die von der Heinrich-Böll Stiftung finanziert und uns bei unserem Besuch mitgegeben wurde.
Baden im Oktober
Die Kommentare der bedürftigen und armen libanesischen Bevölkerungsgruppe im Film lassen Wut, Unzufriedenheit und Ängste laut werden. Auch bei einem Tischgespräch beim Mittagessen mit einigen Studierenden der N.E.S.T wird deutlich, dass die Flüchtlingskrise zu großen Kontroversen und Herausforderungen führt.
Heute war ich am Nachmittag zum ersten Mal mit Maxie beim Sport. Kürzlich wurden wir darauf aufmerksam, dass eine dänische NGO ein wöchentliches Workout im Park anbietet, das sich lediglich an Frauen richtet. Gedacht ist das Angebot in erster Linie für Frauen und Mädchen, die sich das überteuerte Sportangebot Beiruts nicht leisten können. Aber auch wir sind herzlich eingeladen und rennen Parcours über den vom Krieg gezeichneten „Park“, der eher gelb als grün leuchtet. Das Gelände ist voller kaputter Gegenstände, die sich bestens zum Klettern und Springen eignen. Neben dem Park befindet sich eine weitere riesige Parkanlage, die bis vor einem Jahr aus politischen Gründen für über 20 Jahre geschlossen war, und durch einen Zaun von der anderen Anlage getrennt ist. Als unwissende Neuankömmlinge spazieren Maxie und ich natürlich zunächst in den riesigen Park, vorbei an Soldaten, die das Gebiet bewachen. Wenig später stehen wir vor dem riesigen Zaun – dahinter steht unsere dänische Trainerin mit zwei weiteren Mädchen. Wir lassen uns von ihr sagen, dass es nur zwei Wege gibt, auf die andere Seite zu gelangen: Entweder, wir laufen den gesamten Weg durch den riesigen Park zurück und dann ein Mal um das gesamte Gelände, oder – wir klettern über den Zaun.
Wenig später hängt Maxie auf dem Zaun, als plötzlich ein Wachmeister angelaufen kommt, der überraschenderweise nicht schimpft, sondern stattdessen seine Hilfe anbietet. Auch als sich einige Jungs um uns scharen, um die weibliche Gruppe beim Sport machen zu beobachten, kommen nach einer Weile die freundlichen Guards, um die jungen Männer zu vertreiben. Eine der Ideen der NGO ist es, den Frauen eine sichere Umgebung zu bieten, in der sie ohne Geld und ohne Männer Sport machen können. Women Empowerment scheint das Stichwort. Tatsächlich begegnen uns viele freundliche und doch überraschte Gesichter, als wir bei unserem Parcours-Rennen an Basketball- und Tennisfeldern vorbeirennen, und nahezu nur männliche Sportler passieren. Womöglich tut sich mit dem Angebot der NGO eine Möglichkeit auf, die völlig überteuerten Fitnessstudios der Stadt zu meiden und dennoch aktiv zu bleiben.
Sonnenuntergang in Byblos
Die Woche hält noch einiges bereit: Morgen steht ein Hip-Hop-Abend im Zeichen des Battleraps auf dem Programm. Am Donnerstag halten Maxie und ich bereits die nächste Andacht, und am Freitag fahren wir mit der gesamten Belegschaft der Uni auf das sogenannte „Fall Retreat“ - ein Community-Wochenende, das Gelegenheit zum besseren Kennenlernen bieten soll. Ich freue mich auf drei Tage außerhalb der N.E.S.T und bin gespannt, was ich beim Nächsten Mal von unserem Ausflug zu berichten haben werde.









Samstag, 15. Oktober 2016

Zwischen Kirchen und Kauderwelsch


Streetart in Beirut
Als wir am Donnerstagabend zwischen 'Art Lounge' und 'Community-Treffen' wählen müssen, wird uns die Entscheidung abgenommen: Spontan wird die 'Art Lounge' um eine halbe Stunde verschoben, sodass wir an beiden Veranstaltungen teilnehmen können. Als die neuen Repräsentanten des Sports-, Social life- und Spiritual life-Committees feststehen, begeben wir uns in den Keller des Gebäudes, um gemeinsam Kunst zu machen.
Geplant ist, in naher Zukunft die Fassade des Hauses mit bunten Kunstwerken aus Plastikflaschen und Zement zu verschönern. Zunächst aber haben wir die Möglichkeit, das Material kennenzulernen und erste kleine Arbeiten zu fabrizieren. Ich versuche, bunte Eier aus Zement herzustellen und verwende hierfür natürlich eines der wenigen Materialien auf dem Tisch, die nicht für die Arbeit mit Zement gedacht waren. Nicht so schlimm, findet unsere schwäbische Leiterin – und so fülle ich die weiß-graue Flüssigkeit in einen Plastikbehälter, der einer runden Eiswürfelform gleicht. Eine Woche später muss ich das Behältnis zerbrechen, um die Kugeln herauszulösen. Ein einigermaßen gelungener erster Versuch..

Wenig später steht uns ein erster Besuch im palästinensischen Flüchtlingslager bevor. Eine syrische Studentin der N.E.S.T begleitet uns und gibt sich jede Menge Mühe, den Weg und das chaotische Bussystem verständlich zu erklären. Dort vereinbaren Maxie, Lydia und ich einen Termin, um in Zukunft regelmäßig 5-10 Jährigen Englisch zu unterrichten.

Das zweite Wochenende in Beirut nutzen Maxie, Lydia und ich, um das westlich geprägte Hamra in den Abendstunden zu erkunden. Einen Ort für ein gediegenes Feierabendbier zu finden ist eine Leichtigkeit – ein Glas Arak hingegen entpuppt sich als echte Herausforderung. Letztlich aber werden wir fündig, und bekommen drei Gläser serviert – hausgemacht.
Bar in Hamra

Der Sonntag steht im Zeichen der Ost-Kirchen. Unsere erste Exkursion führt uns in einen assyrischen Gottesdienst. Es eröffnet sich uns eine zweistündige Prozedur, die einem antiken Theaterstück zu gleichen scheint. Ein roter Vorhang verdeckt zunächst den Altar, den Priester und seine Gehilfen – bis der Gottesdienst beginnt und der dicke Samtstoff zur Seite gezogen wird. Ein Chor steht auf der Empore und singt mal gemeinsam mal abwechselnd mit der Gemeinde die traditionellen assyrischen Gesänge und Gebete. Teil des Gottesdienstes ist außerdem der Friedensgruß unter den zahlreichen Besuchern, die sich während der Messe die Hände reichen und anschließend symbolisch küssen.
Im Anschluss lädt der Priester bei einer Tasse Kaffee zum Gespräch. Er betont, dass wir uns in der Kirche wie zu Hause fühlen sollten, und sie ein Ort für Menschen aller Konfessionen und Religionen sei. In einer Zeit, in der die Kirche vom Aussterben bedroht und ständiger Verfolgung ausgesetzt ist, bangen die Mitglieder um ihr Leben im Nahen Osten und die Existenz der Gemeinden. Umso erfreulicher scheint es, dass er in seinen Worten nicht nur Christen, sondern auch Muslime einschließt und als Gäste willkommen heißt.
Shiitisches Viertel, geschmückt für Ashura
Am Abend veranstaltet die N.E.S.T eine Gedenkzeremonie für einen ehemaligen Dozenten der Universität. Der zweite Gottesdienst im Laufe des Tages.
Wenig später machen sich Maxie und ich auf den Weg in ein Hotel in der Nähe, um eine deutsche Reisegruppe des Journalistennetzwerks 'al-shark' zu treffen. Die Gruppe reist derzeit für zehn Tage durch das Land und es besteht die Möglichkeit, als Außenstehender an einzelnen Programmpunkten teilzunehmen. An diesem Abend findet ein Vortrag zum Thema Pressefreiheit im Libanon statt, den wir gespannt verfolgen.
Am kommenden Montagmorgen begleiten wir die Gruppe in die Berghof-Stiftung, in der uns ein äußerst eloquenter Jordanier einen Einblick in die sunnitische Gesellschaft im Libanon vermittelt. Er selbst hat in Deutschland studiert und spricht ausgezeichnet Deutsch. Er zeichnet ein recht düsteres Bild der aktuellen politischen Verhältnisse, kritisiert die Nichtexistenz von Frauenrechten und betont die komplexen inner-sunnitischen Konflikte.
Spuren des Krieges inmitten von Beirut
Von Dienstag bis Donnerstag bleibt jeweils wenig Zeit für außeruniversitäre Aktivitäten. Die meiste Zeit verbringe ich auf der großen Terrasse des Hauses, lese einen Text nach dem nächsten und mache mir zahlreiche Notizen für anstehende Klausuren und mid-term Prüfungen. Dazwischen bleibt etwas Zeit, um neue Vokabeln zu wiederholen und bei der arabischen Heidi Klum in den Unterricht zu gehen. Unsere bisherigen Erfahrungen mit der Sprache sind meist verhältnismäßig ernüchternd: Die Dozenten und Studierenden sprechen allesamt hervorragend Englisch, und insbesondere von Lehrerseite scheint kein großes Interesse zu bestehen, uns die arabische Sprache näher zu bringen. Kleine Konversationen mit den Studierenden enden meist in großem Gelächter und mit dem Satz: „Sorry, I didn't understand it because of your accent.“ Der Studienalltag bietet demnach nicht die besten Voraussetzungen, um tatsächlich Arabisch zu lernen.

Im palästinensischen Flüchtlingslager
Im Flüchtlingslager hingegen, in dem Maxie und ich am Freitag das erste Mal Englisch unterrichtet haben, scheint die Ausgangslage wesentlich besser. Denn die Kinder, mit denen wir in der ersten Stunde das Schreiben des Alphabets geübt haben, können bis auf „How are you?“ so gut wie kein Wort Englisch. Meine bisher wohl längste Konversation auf Arabisch fand demnach mit einem vielleicht sechsjährigen Mädchen statt, die mich gefragt hat, wo ich wohne. Nach relativ kurzer Zeit habe ich leider überhaupt nichts mehr verstanden und konnte ihr keine Antwort mehr auf ihre folgenden Fragen geben, aber immerhin gab es bereits einen ersten Anfang eines Gesprächs. Nachdem ich vor der ersten Stunde einigermaßen aufgeregt war, ob und wie wir ohne wirkliche Sprachkenntnisse in der Klasse zurechtkommen würden, bin ich im Nachhinein umso glücklicher, dass wir den Versuch gestartet haben. Ich bin gespannt, wessen Sprachkenntnisse am Ende ausgeprägter sein werden: Unsere in Arabisch oder die der Kinder in Englisch..
Besuch beim syrisch orthodoxen Bischof
Zurück an der N.E.S.T wartet auf uns das Mittagessen, das mir ein zweites Mal offenbar nicht bekommt. Nach einem kurzen und für mich einigermaßen anstrengenden Gespräch mit Mitgliedern der Synode aus Württemberg verbringe ich den Rest des Tages im Bett und über dem Mülleimer.
Mit leerem Magen und etwas schlapp begebe ich mich am heutigen Samstag auf die zweite Ost-Kirchen-Exkursion. Wir treffen den Bischof der syrischen orthodoxen Kirche in Beirut und wenig später den Bischof der syrisch katholischen Kirche.
Zweiterer residiert in einem wunderschönen Kloster außerhalb Beiruts. Während wir in Hamra Tag für Tag stockendem Verkehr und tosendem Lärm ausgesetzt sind tut es gut, die zauberhafte Aussicht zu genießen und auf die beeindruckende Natur und das Meer zu blicken. Zwischenzeitlich machen wir außerdem Halt an einem Pilgerort der Maroniten. Dort befindet sich eine große Marienstatue, und weil Maria auch im Islam eine entscheidende Rolle spielt, treffen sich hier Menschen verschiedener Religionen, um hier zu beten und jede Menge Fotos zu machen.


Der Campus der AUB (American University Beirut)
Im Laufe der Woche ergab sich darüber hinaus, zum ersten Mal die American University zu besuchen, die nur wenige Minuten von uns entfernt ist. Dort studiert die libanesische und internationale Elite des Landes, und hat nicht nur Blick aufs Meer und einen malerischen Campus, sondern auch einen eigenen Strand. Chris, die Frau des Pfarrers der deutschen Gemeinde, hat mit drei weiteren Frauen ein Buch zum Thema „Frauenrechte“ herausgegeben, dass in einer öffentlichen Runde vorgestellt wird.

Wenig später versendet Chris außerdem den Aktionsplan für den anstehenden Weihnachtsbasar, für den im Vorhinein mit vereinten Kräften Kränze und Lebkuchenhäuser entstehen sollen, die später auf dem Markt verkauft werden können. So lässt sich womöglich in den kommenden Monaten trotz der sommerlichen Temperaturen auch für uns noch ein wenig Weihnachtsstimmung generieren.
In der kommenden Woche müssen wir für unseren Islam-Kurs das erste Kurzessay über Mohammed fertigstellen, Maxie und ich werden unsere erste Andacht halten, und wir werden an weiteren Gesprächen mit dem al-Sharq Netzwerk teilnehmen. Außerdem planen Maxie, Lydia und ich einen ersten Ausflug an den Strand von Byblos – eine Stadt die auf Fotos aussieht wie aus dem Bilderbuch.
„Der Libanon beginnt außerhalb der Straßen von Beirut“, sagte heute ein Kommilitone, und bei der Aussicht aus dem Kloster über das kleine Land denke ich, dass er Recht haben mag, und es hinter der dicht besiedelten Stadt noch jede Menge zu entdecken gibt.