Montag, 3. April 2017

Rosarot.


Alles blüht rosa.
Der Lärm der Straße schallt in mein Zimmer, ich kann die Balkontür endlich wieder öffnen und blicke auf die rosa Blüten der Bäume, die in voller Pracht vor meiner Haustür blühen. Der Frühling hat Beirut offiziell erreicht. Nachdem ich gestern Abend pünktlich zur Deadline meine neue Geschichte fertiggestellt habe, finde ich nun endlich Zeit, um von den Ereignissen der vergangenen zwei Wochen zu berichten.
'Rosarot' lautet der Titel meines zweiseitigen Jahresrückblicks, an dem ich in den Wochen gefeilt habe. Gerne würde ich ihn als Entschädigung für den ausbleibenden Blog der letzte Woche im Zedernwald zur Verfügung stellen - da ich allerdings auf eine Veröffentlichung im österreichischen UND-Magazin hoffe, werde ich ihn nicht bereits im Vorfeld online publizieren.
Immer wieder überrascht es mich, wie viele unzählige Stunden ich damit verbringen kann, auf den Bildschirm zu starren, Assoziationsketten auf Pappkartons zu kritzeln und Satz für Satz einen neuen Text zu fabrizieren. So sehr ich es liebe, meine Zeit damit zu verbringen Geschichten zu schreiben – 'Rosarot' war ein ziemlicher Kraftakt, der mir jede Menge schlaflose Nächte und gleichzeitig viele verschlafene Nachmittage bereitet hat. Der Text gliedert sich in vier Abschnitte, die den Jahreszeiten entsprechen. Tag für Tag verschwand ich in der jeweiligen Phase des vergangenen Jahres, und war dementsprechend wenig am aktiven Alltag der letzten drei Wochen in Beirut beteiligt.
Einige Programmpunkte standen neben dem üblichen Uni-Alltag allerdings trotzdem an:
Am Mittwochabend der letzten Märzwoche gehen wir spontan mit Freunden von Lydia indisch essen. Da mir jede Abwechslung im Speiseplan mehr als willkommen ist, verdient dieser kurze Ausflug nach Mar Mikhael Erwähnung. Das Menü ist gesetzt, und wird Gang für Gang serviert. Der nette Abend in dem kleinen Restaurant hat seinen stolzen Preis: Wieder einmal beweist Beirut, dass sich die Stadt nicht unbedingt durch ihre studentenfreundlichen Kosten auszeichnet..
Am 23. März wurde im Flüchtlingslager der Muttertag gefeiert. Nachdem wir wochenlang zwei Lieder mit den fünf- und sechsjährigen geprobt hatten, war ich einigermaßen aufgeregt, als die Kinder endlich die Bühne betraten. Auf dem gesamten Hof hatten sich nahezu ausschließlich Mütter und Großmütter ohne ihre Ehemänner versammelt, um die Tänze und Gesänge der Kleinen und Großen zu bestaunen und zu beklatschen. Nach ein paar kurzen Reden der Leitung folgte ein buntes Programm. Es war nicht ganz leicht, die Aufmerksamkeit der Kinder zu erhaschen um ihnen den Start des Liedes zu signalisieren. Als das allerdings geschafft war, lief alles wie am Schnürchen: Beide Gruppen haben ihre kurzen englischen Lieder zu unserer großen Freude und Erleichterung fehlerfrei und textsicher präsentiert. Seither werden wir bei unseren üblichen Freitagsbesuchen regelmäßig mit den Muttertagsliedern begrüßt, die den Kindern offenbar nicht mehr aus den Köpfen gehen.
Singen im Flüchtlingslager.
Ein kleiner Erfolg, über den sich Maxie und ich sehr gefreut haben. Auch unabhängig von dem kleinen Event ist es schön zu erleben, wie die Kinder von Wiederholung zu Wiederholung immer textsicherer werden, regelmäßig Liedwünsche äußern und freudig mittanzen und singen.
Nach der Veranstaltung werden wir überraschend von einer jungen Französin angesprochen, die für ihre Doktorarbeit über NGO's in Flüchtlingslagern schreibt und sich für unsere Beweggründe interessiert, die uns in den Libanon und zu den Kindern gebracht haben.
Spontan werden wir von ihr und einer ihrer Bekannten zum Mittagessen eingeladen, die ebenfalls bei
Die jüngste Kindergartengruppe bei ihrem Auftritt
der Muttertagsfeier anwesend war. Kurzerhand führt uns der Weg durch das Flüchtlingslager in die kleine Wohnung der älteren Dame, die als syrische Palästinenserin während des gegenwärtigen Krieges eine Unterkunft gleich neben dem Lager gefunden hat. Sie teilt sich ein kleines Zimmer mit ihrer Tochter, die in einem Bekleidungsgeschäft arbeitet. Es gibt Tee, frische Pizza und gefüllte Spinattaschen, die wir auf dem Boden sitzend gemeinsam essen. Durch die Übersetzungsfähigkeiten von Doktorandin Layla erhalten wir die seltene Möglichkeit, einen kurzen Einblick in das Leben der gastfreundlichen Frau zu erhalten. Mit ihrem Ehemann habe sie in Dubai gelebt, erzählt sie – ein Leben in dem sie noch im Besitz von drei Autos waren und es ihnen gut ging. Wo ihr Mann jetzt ist, erzählt sie nicht. Trotzdem wirkt sie weder klagend noch verbittert, sondern bescheiden und dankbar für das, was sie hat. Ein beeindruckender Besuch.
Die Berge von Tannourine
Am letzten Märzwochenende organisierte das 'Studienoberhaupt' der N.E.S.T einen letzten Ausflug, bevor seine 'Amtszeit' kürzlich zu Ende ging. Mit einem gemieteten Bus fuhren wir am frühen Morgen in den Norden nach Tannourine, um eine kleine Wanderung zu unternehmen. Nachdem ich bislang nur eine einzige Zeder auf einem Ausflug ins 'Shouf'-Gebirge gesehen habe, bot sich im Zedernreservat endlich Gelegenheit, ein paar mehr der libanesischen Symbolbäume zu
Eine postkartenreife Zeder..
bewundern. Weshalb es die Zeder letztlich sogar bis auf die Flagge geschafft hat, ist mir allerdings ehrlich gesagt nach wie vor eher schleierhaft: Zwar ist der besondere Baum in mehreren Regionen des Landes anzufinden – ob der Hype um das Kieferngewächs jedoch berechtigt ist, bleibt in meinen Augen ein bisschen fragwürdig. Dennoch genieße ich den Ausflug, auf dem uns von einem Guide die Flora und Fauna erklärt wird, während wir durch den Schnee der Berge spazieren. Der Sonntag steht ganz im Zeichen meiner Geschichte, bis ich am Abend einen kleinen Shopping-Ausflug einlege und einige Dinge für die Uni erledige. Die neue Woche vergeht im Flug, während ich weiterhin Tag für Tag auf meiner Pferdedecke auf dem Boden sitze, um meinen Text in Gedanken zusammenzupuzzlen und letztlich aufs Papier zu bringen.
Arbeitsstation in meinem Zimmer
Im Theaterworkshop wird am Donnerstag verkündet, dass wir für den bevorstehenden Ostergottesdienst ein kleines Stück vorbereiten werden. In den kommenden zwei Stunden versuchen wir, einige Szenen der Ostergeschichte nachzuspielen. Im Anschluss wird gemeinsam überlegt, wie sich die szenischen Elemente in den Gottesdienst eingliedern lassen. In dieser Woche werden wir daran weiterarbeiten, bevor pünktlich zum Ferienbeginn die vorösterliche Feier stattfindet.
Das letzte Wochenende begann mit einem Ausflug nach Dbayeh, einer kleinen Industriestadt am Highway zwischen Beirut und Byblos. Meine Physiotherapeutin hatte mir aufgetragen, ein Thera-Band zu besorgen. An die 1 ½ Stunden dauert es, bis Maxie und ich das große Shopping-Zentrum erreichen. Ärgerlicherweise finde ich die Bänder nicht, halte ein anderes Produkt für das Richtige und tätige schließlich einen überteuerten Fehlkauf. Also heißt es: Demnächst erneut ins Shopping-Paradies, um das Band umzutauschen und das Richtige zu erwerben. Im Chaos des hiesigen Verkehrs ist ein derartiger Ausflug fernab der Stadtrgenzen jedes Mal aufs Neue ein verhältnismäßig aufwändiges und vor allem zeitintensives Unterfangen. Dafür entdecken wir ein 'deutsches Restaurant', in dem es zwanzig verschiedene Biersorten und Schnitzel gibt. Die Wände zieren die Farben der Deutschlandfahne und ein überdimensionierter Reichsadler...
Am Freitagabend stand nach längerer Zeit mal wieder ein Kinobesuch an: Lydia und eine deutsche Freundin haben vor, sich den libanesischen Film 'Mahbas' anzusehen. Kurzerhand beschließen Maxie und ich, uns anzuschließen. Bei einer großen Portion karamellisiertem Popcorn herrscht großartige Stimmung im Kinosaal, der nahezu bis auf den letzten Platz besetzt ist. Während bei unseren bisherigen Kinobesuchen das Publikum meist der libanesischen Oberschicht anzugehören schien, zeigt sich an diesem Abend ein anderes Bild: Dies mag daran liegen, dass es sich nicht um einen amerikanischen Hollywood-Schinken, sondern um eine lokale Komödie handelt. Der Film erzählt die Geschichte einer jungen Libanesin, die beabsichtigt, sich mit einem Syrer zu verloben. Die Mutter, die ihren Bruder im Krieg durch eine syrische Bombe verloren hat, wird am Tag der Verlobung mit der syrischen Herkunft des Verlobten überrascht. Ein großartiger Film, der einen treffenden Einblick in die christlich-libanesische Gesellschaft vermittelt, und auch uns immer wieder zum Lachen bringt.

Weitere Eindrücke aus Tannourine..
Am kommenden Morgen mache ich mich erneut zu meiner Physiotherapeutin auf, die mich auf Grund ihrer alternativen Arbeitsmethoden erneut beeindruckt und im positiven Sinne sprachlos macht. Den Rest des Wochenendes verbringe ich mit einer halben Flasche Wein, Oliven und meiner Geschichte auf meinem Zimmer. Ich kann es kaum fassen, als ich den Text am späten Abend endlich abschicken kann.
Die neue Woche beginnt mit einem Besuch von zwei Brüdern aus Taizé, die uns am heutigen Nachmittag einen kleinen Film über die Begegnungsstätte gezeigt haben, für Fragen zur Verfügung standen und die Andacht leiteten. Eine schöne Erinnerung an drei oder vier vergangene Besuche in Taizé, die ich alle in bester Erinnerung habe.
Acht Tage bleiben, bis Jan erneut in Beirut landen wird, und dieses Mal für ganze zwei Wochen hier
bleibt. Ich habe in den letzten Wochen fleißig die Tage gezählt, und freue mich riesig auf seinen Besuch. Bis es soweit ist, gilt es noch jede Menge zu erledigen: Am Mittwoch fahre ich mit Clemens in das Begegnungszentrum 'Dar al-Salam', um die Kinder einiger deutscher Pfarrer zu bespaßen, die im Nahen Osten tätig sind und nun für eine Konferenz in den Libanon kommen. Außerdem muss ich für ein kurzes Paper über eine NGO Interviews führen und mich zeitgleich auf die Abschlussklausur für den Kurs bei Dr. Peter Ford vorbereiten. Heute ist außerdem Rike in Beirut gelandet, eine alte Schulfreundin, mit der ich gemeinsam Abitur gemacht habe. Sie ist Individualtourismus dankenswerterweise gewöhnt, und kommt nicht spezifisch mich besuchen, sondern ist in erster Linie hier, um das Land kennenzulernen. Dennoch wünschte ich, ich hätte mehr Zeit, um ihr in den kommenden Tagen einige Orte zu zeigen. Nun aber bleibt bereits für die verpflichtenden Programmpunkte bereits kaum Zeit...
Umso mehr freue ich mich, dass ich mich im Anschluss auf zwei Wochen Ferien freuen kann, in denen ich gemeinsam mit Jan, Maxie, Lydia und dem Besuch der Beiden das kleine Land bereisen werde.
Ob ich bis dahin Zeit finde, einen weiteren Blog zu schreiben ist fraglich. Realistischer scheint mir momentan, dass ich auch in den kommenden drei Wochen eine Schreibpause einlegen werde, um Ende April mit vielen neuen Geschichten zurückzukommen.

Montag, 20. März 2017

Goldregen.


Als Maxie und ich am Freitag aus dem Flüchtlingslager an die Hochschule zurückkehren, drückt mir Lydia einen Zettel mit einer E-Mail Adresse in die Hand. Während wir englische Lieder sangen, war eine Delegation von Dekanen aus Baden Württemberg zum Gespräch zu Besuch. Unter ihnen auch ein ehemaliger Teilnehmer der Tagungen, die ich im vergangenen Jahr für die EZW mitorganisiert habe. Ein schöner Zufall, wenngleich es in den kommenden Tagen bedauerlicherweise zu keinem Wiedersehen kommt, da meine Antwortmail im Spamordner landet. Dafür dann voraussichtlich im Sommer, wenn der Abschluss der vier Tagungswochen gefeiert wird.
Nachdem das zweite Märzwochenende mit einem entspannten Tag in Beirut beginnt, verlassen wir am Samstag die Stadt, um uns auf einen weiteren Ausflug zu begeben.
Im Hisbollah-Museum
Gemeinsam mit unserem Pilotenfreund Ahmad fahren wir in den Süden, um das sogenannte 'Tourist Landmark of the Resistance' zu besuchen. Bei dem großflächigen Gelände handelt es sich um ein Museum, das von der Hisbollah betrieben wird und vorrangig an Kämpfe und Kriege gegen den südlichen Nachbarn erinnert. In einer aufwändigen Freiluft-Installation werden Helme, Panzer- und Raketenreste ausgestellt. Mit Hilfe von Puppen, Musik und Kampfgegenständen wird zwischen einem zweihundert Meter langen Tunnel und einer Ausstellungshalle die Weltsicht der Hisbollah deutlich. [Wer mehr erfahren will, findet einige Hintergrundinformationen im hier verlinkten Artikel, der 2013 im Tagesspiegel erschien.]
Eine graue Nebelsuppe hängt über den Bergen, als wir das Areal aufgewühlt verlassen und uns auf den Rückweg machen.
Lydia, Stobbi, Maxie und jede Menge Glitzer
Den Abend leiten Maxie, Lydia und ich mit zwei neuen Bekannten im Ausgehviertel Mar Mikhael bei Bier und Martini ein. Einige Stunden später tanzen wir zwischen hell erleuchteten Engelsflügeln in einem goldenen Glitzerregen zu mittelmäßiger Musik. Einige professionelle Tänzerinnen und Tänzer tragen im Laufe des Abends eine mit Goldstaub gefüllte Badewanne in den Raum, die wenig später zur Showfläche umfunktioniert wird. Die Freizügigkeit der leicht bekleideten Künstler überrascht mich und hält mir
erneut den Kontrast zweier Welten vor Augen, die so nah beieinander liegen und doch nicht entfernter voneinander sein könnten.
Als die Sonne langsam aufgeht und die ersten Vögel zwitschern, endet die lange Nacht mit einem letzten Plausch auf Lydias Zimmer, bevor ich mitsamt Glitzer unter der Bettdecke verschwinde und bis in die Mittagsstunden schlafe.
Der Montagmorgen beginnt mit einem Film über die Kreuzfahrer, Müdigkeit und Bauchweh. Nach Andacht und Mittagessen gönne ich mir eine Extraportion Schlaf, bevor am Abend der zweite Teil der dreistündigen Dokumentation ansteht.
Im Anschluss finde ich endlich Zeit und Ruhe, um mich an den Computer zu setzen und die ersten Zeilen für mein neues Schreibprojekt zu verfassen. In der Nacht kann ich mich häufig besser konzentrieren als tagsüber, und so sitze ich bis in die frühen Morgenstunden am Schreibtisch, bis der erste Teil vollendet scheint.

Obwohl das Seminar zum 'Arab-Israeli Conflict' an der AUB am nächsten Morgen zwecks Midterm-Klausur ausfällt, ist der Nahostkonflikt spätestens am Abend wieder Thema. Für die Vorbereitung der nächsten Ethikkurs-Einheit schauen wir eine Dokumentation, in der ein Vergleich zwischen Südafrika zu Zeiten der Apartheid mit dem gegenwärtigen israelischen Staat unternommen wird. Der Film löst bei vielen starke Emotionen aus, und führt zu aufwühlenden Gesprächen. Die Diskussion im Unterricht am kommenden Tag allerdings fällt unerwartet ruhig aus, da sie in erster Linie von der Dozentin geführt wird. Erneut gönne ich mir am Nachmittag einen langen Mittagsschlaf, und schreibe in der Nacht bis um vier Morgens an meiner Geschichte weiter. Inzwischen ist mein Biorhythmus einigermaßen verdreht, aber ich bin sehr glücklich, endlich wieder an einem neuen Projekt zu sitzen.
Drachen, Zwerge und jede Menge Würfel
Ein ungewöhnliches Aufeinandertreffen ergibt sich am Donnerstagabend, als ich gemeinsam mit Lydia das Multiverse betrete, um gemeinsam mit drei Bekannten von ihr ein 'Pen-&-Paper Rollenspiel' zu spielen. Der Laden, der Platz für begeisterte Brettspieler bietet, besitzt auch einen gesonderten Raum, der mit Plastikfackeln, Drachenfiguren und gängiger Fantasy-Ästhetik versucht, ein passendes Ambiente für das außergewöhnliche Gesellschaftsspiel zu schaffen.
Die Idee des Spiels ist es, einen fantastischen Charakter zu wählen, und mit Hilfe eines Spielleiters und Würfeln in einer imaginierten Welt herausfordernde Missionen zu bestehen. So verwandeln wir uns für die kommende 2 ½ Stunden in Elfen, Zwerge und Zauberer, und setzen Zauberkräfte sowie unser Kombinationsvermögen ein, um gegen Bären und Drachen zu kämpfen. Der Spielleiter hat sich passend zur Atmosphäre in einen dunkelroten Mantel mit goldenen Streifen gehüllt, und führt uns mit Hilfe eines dicken Regelwerkes durch den Verlauf der Geschichte. Während die anderen beschließen, die kommenden acht Wochen regelmäßig neue Welten zu
Post aus Norddeutschland. <3
erkunden und das Spiel fortzuführen, ziehe ich es vor, den Besuch in der Drachenwelt als einmaliges Erlebnis zu betrachten und meine Zauberkräfte beim Verlassen des Ladens hinter mir zu lassen.
Weil mein Schlafrhythmus sich noch immer nicht eingependelt hat, verbringe ich auch einen Großteil des Freitags mit einem ausgiebigen Mittagsschlaf. Langsam schreitet meine Geschichte voran, die bis zum 2. April fertig werden soll. Außerdem erreicht mich ein kleines Paket von Simone, die mich mit Süßigkeiten und Nagellack aus Deutschland versorgt. Im Laufe der nächsten Stunden verschwinden eine Tafel Schokolade und eine Packung bunte Colakracher umgehend in meinem Bauch.
Einst eine Kirche: Die Omari Moschee
Am Samstag besuchen wir gemeinsam mit Dr. Peter Ford die Omari Moschee, die zu Kreuzfahrerzeiten eine Kirche war, und sich im ausgestorbenen Herzen von 'Beirut Downton' befindet. Wir beobachten das mittägliche Samstagsgebet von der Empore, bevor uns der Sheikh der Moschee freundlich willkommen heißt und nach einem einführenden Gespräch durch die Räume und Gemäuer der Anlage führt.
Am späten Nachmittag treffe ich endlich auf meine ehemalige Mitbewohnerin Rascha, mit der ein Treffen seit unserer völlig überraschenden Begegnung im November längst überfällig war. Wir bringen uns auf den neusten Stand, und tauschen in Kurzfassung aus, was sich in den letzten 9 Jahren verändert und ergeben hat. Auch am Abend treffen wir erneut aufeinander, um gemeinsam mit Freunden von ihr und mit Maxie das Wochenende zu feiern. Im stadtbekannten 'Mezyan', das unter der Woche als entspanntes Restaurant fungiert, erwartet uns eine ausgelassene Stimmung und ein vollgestopfter Raum, in dem der ein oder andere auf den Tischen tanzt.
Kreuzfahrerburg Mons Peregrinus
Blick über Tripoli
Der letzte Tag des Wochenendes hält eine Fahrt nach Tripoli bereit, wo Maxie, Lydia und ich bereits erwartet werden. Hind, eine Frau die wir vor einigen Monaten bei einem interreligiösen Ausflug kennenlernten, hatte seinerzeit in ihre Heimatstadt eingeladen und angeboten, uns in der Stadt herumzuführen. Als wir das Zentrum der zweitgrößten Stadt des Libanons erreichen, werden wir wenig später von ihr abgeholt und fahren zur ehemaligen Kreuzfahrerburg Mons Peregrinus. Von oben blicken wir über die große Stadt und ihre bunten Häuser. Hind beschreibt Tripoli als
vergessene und marginalisierte Stadt, die unter religiösen und politischen Differenzen leidet. Die Kunstprofessorin nimmt sich einige Stunden für uns Zeit, um uns über die alten Märkte und in ein ehemaliges Hamam zu führen. Die starke Armeepräsenz ist auf Grund der angespannten Lage unübersehbar.
Außerdem betreten wir das futuristische Messegelände, das einst vom brasilianischen
Ein Klangwunder auf dem..
Architekten Oscar Niemeyer angelegt wurde und nun unfertig und halb verfallen sein Dasein fristet. Einige Kinder turnen auf einem ominösen Kuppelgebäude herum. Als wir den Bau betreten, kommen sie heruntergerannt, um den Zauber des Gebäudes mit uns zu teilen: Auf Grund seiner Form hat der hohle Raum eine beeindruckende Akustik, die jeden Ton in ein lautes Echo umwandelt. Wieder ein Mal zeigen sich in Tripoli Räume und Orte, die in einem Land ohne Imageproblem vermutlich tausende Touristen anziehen würde. Hier allerdings laufen wir allein durch die Kreuzfahrerburg, und auch das faszinierende Klangspiel wird an diesem Tag nur uns dargeboten.
...verlassenen Messegelände Oscar Niemeyers
Bei einer unverschämt günstigen Falafel, die wir inklusive Extrawünsche stolz auf Arabisch bestellen, verabschieden wir uns von Tripoli, und fahren weiter nach Batroun.
St. Patrick's Day in Batroun







In dem christlich geprägten Dorf an der Küste treffen wir auf Nabil, einen deutsch-libanesischen Freund von Maxie, der derzeit seine Familie besucht. Mit Tanz, Musik und volksfestähnlicher Stimmung wird am Meer der St. Patrick's Day gefeiert.
Leerstehendes Meeresinstitut von Außen











Kurz bevor die Sonne untergeht, gönnen wir uns einen Blick
von einem unfertigen und leerstehenden Haus aufs Meer. Das runde Gebäude wurde einst als Meeresinstitut geplant und wegen des Krieges nie fertiggestellt.
Das leerstehende Meeresinstitut
In der Mitte des oberen Stockwerkes befindet sich ein großes, leeres Becken, das offenbar einst als Wasserbassin konzipiert wurde. Etwas später zeigen uns Nabil und sein Cousin die gemütliche Altstadt, in der sich eine Kirche aus Sandstein an die Nächste zu reihen scheint.
Um uns die ungemütliche Busfahrt zu ersparen
organisiert Nabils Vater ein Taxi, das uns durch die Nacht bis nach Hamra fährt. Mit Pizza zum Abendbrot geht das Wochenende zu Ende. Bevor ich mich wieder universitären Essays und Klausuren widme, steht in dieser Woche weiterhin die Fertigstellung meines kurzen Textes für das österreichische UND-Magazin im Vordergrund. Außerdem erwarte ich gespannt die Muttertagsfeier im Flüchtlingslager, für die wir am letzten Freitag mit den Kindern auf einer kleinen Bühne im Freien geprobt haben.
Blick über Batroun
Weil am Samstag der 'Annunciaton Day' – die
Verkündigung des Herrn – zelebriert wird, ist außerdem eine Wandertour mit der N.E.S.T in den Norden geplant. Die Zeit verfliegt und ich bin dankbar über jeden freien Tag, an dem wir die Gelegenheit nutzen neue Städte, Dörfer und Landschaften zu erkunden. Immer wieder bin ich erstaunt, über die Vielfalt des Landes, die sich zwischen Meeresküste und Berggipfeln immer wieder offenbart.

Freitag, 10. März 2017

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.



Good After Noon
Der neue Monat beginnt mit einem Warnschuss meines Körpers. Anhaltende Schmerzen und ein unkontrolliert zuckender Arm erinnern mich daran, dass Beschwerden nicht unbedingt einfach verschwinden, wenn man so tut als seien sie nicht existent. Weil sich die Bewegungen meines Armes weder vor mir selbst, noch vor meinen Kommilitonen verstecken lassen, ist in Kürze die halbe Hochschule informiert. Wenig später sind nicht nur Maxie und Lydia, sondern auch der Präsident des Seminars und eine weitere Dozentin darum bemüht, einen passenden Arzt und umgehende Unterstützung für mich zu finden.
Nach Telefondiagnosen, Tablettenbeschaffung und Massagen geht ein aufreibender Tag auf Lydias Zimmer zu Ende, und wenig später habe ich für die kommende Woche zwei Arzttermine. Vielleicht ist es das Medikament, dass meinen Körper zur Ruhe bringt. Vielleicht sind es auch die Gespräche und der Theaterworkshop am Donnerstagabend, die mich von kreativen Selbstdiagnosen zurück auf den Boden der Tatsachen holen.
Das Wochenende leiten Maxie und ich traditionsbewusst mit meiner Neuentdeckung
Lernen im 'Onomatopoeia' in Ashrafiyeh
Mikrowellenpopcorn und Harry Potter Teil 3 ein. Um mich auf die Mid-term Klausur bei Dr. Ford vorzubereiten, verbringe ich erneut einen Großteil meines Wochenendes mit meinem Laptop in Cafés. Im Osten der Stadt liegt der Stadtteil Ashrafiyeh, in dem es im 'Onomatopoeia' Raum für Kultur, Musik und Kaffee gibt. Auf der Terrasse des kleinen Ladens lassen wir uns die Frühlingssonne ins Gesicht scheinen, und fassen mehr oder weniger geduldig das Unterrichtsmaterial der letzten Wochen zusammen. Am Abend schließe ich mich einer Gruppe von N.E.S.T-Studierenden an, die zum gemeinsamen Brettspiel verabredet sind. Unweit unserer
Karten spielen im 'Multiverse'
Schule befindet sich das 'Multiverse' - ein Laden, in dem man nicht nur Spiele kaufen, sondern auch spielen kann. Die kompetenten Mitarbeiter empfehlen nicht nur ihre Favoriten, sie erklären auch jedem Tisch geduldig die Regeln. Unsere Gruppe entscheidet sich für ein Kartenspiel, bei dem der gewinnt, der am besten lügen kann – Ein schwieriges Unterfangen, bei einem Haufen gutmütiger Theologiestudenten..
Den Abend beenden Maxie und ich bei einem Bier im altbewährten Captains erst zu zweit, bis sich wenig später einige Gesprächspartner um unseren Tisch gesellt haben. In der rustikalen Bar bleibt man selten lange allein. Ein benachbarter Tisch spielt „Wahrheit oder Pflicht“, und bezieht uns regelmäßig ungefragt in Aufgaben mit ein. Außerdem begegnen wir Zwillingen, die überraschenderweise einen ehemaligen N.E.S.T-Studenten kennen, mit dem ich im letzten Jahr in Berlin studiert habe. Klein ist die Welt. Am Sonntag wiederholt sich das mittägliche
Lernmotivation Hannah vs...
Lern-Szenario des Vortages auf einer Dachterrasse über den Straßen von Hamra. Als die Sonne untergeht, lassen Lydia und ich den Abend bei Minz-Limonade und heißer Schokolade ausklingen.
Die neue Woche beginnt mit einem Termin beim Orthopäden, dessen Praxis sich in einem Krankenhaus befindet. Maxie begleitet mich auf der Fahrt, die wegen des nervtötenden Verkehrs eher schleichend als zügig vorangeht. Längst verspätet schleichen wir zunächst eine Weile um das Gebäude herum, das von außen auf Grund von Bauarbeiten nicht im Geringsten an ein Krankenhaus erinnert. Den Haupteingang haben wir verpasst, und so führt
...Lernmotivation Maxie.
uns der Weg in die Praxis durch den Hintereingang vorbei an Schutt und Sperrmüll. Der Arzt ist nicht nur Protestant – er hat auch in der Kapelle unserer Hochschule geheiratet, und so scheint sich ein weiterer Kreis zu schließen. Weil ich daran interessiert bin, neben der schulmedizinischen Perspektive auch eine ganzheitlichen Einschätzung zu erhalten, fahre ich am nächsten Tag außerdem zu einer Physiotherapeutin, die mir von unserer Theater-Lehrerin empfohlen wurde. Die Beobachtungsgabe und das sensible Gespür der russischen Körpertherapeutin faszinieren mich und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Die kommenden Wochen werden zeigen, wie mein Körper auf die Behandlungen reagiert. Zunächst aber bin ich froh, endlich einen Anfang gemacht zu haben. In den letzten zehn Tagen ist mir einerseits bewusst geworden, dass ein Anfang weder einen Ortswechsel, noch eine klare Kapitelüberschrift benötigt. Andererseits aber ist die Vorfreude auf einen festen Wohnsitz in Deutschland und etwas mehr Stetigkeit in meinem Alltag in mir gewachsen. Es wird Zeit, etwas weniger durch das Leben zu rennen, und zwischendurch häufiger innezuhalten.
An der Hochschule geht der Alltag mit der Klausur und einer
Zwischen Ehe-Diskussionen und Ringkauf in Gemmayzeh..
Debatte zum Thema 'Homo-Ehe' im Rahmen unseres Ethik-Kurses weiter. Die Veranstaltung findet am Abend statt, und ist für alle Studierenden der Hochschule geöffnet. So lauschen einige Teilnehmer unseren Argumenten, während wir auf dem Podium Gründe für und gegen die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare diskutieren. Ich habe mich im Vorfeld einige Stunden ins Café Younes gesetzt, um biblische Argumente für die Homo-Ehe zu sammeln. Kein leichtes Unterfangen – aber dankenswerterweise bin ich nicht die Erste, die sich mit der Frage beschäftigt, und so lassen sich einige Gedankenanstöße im Internet finden. Die Debatte endet ohne klaren Gewinner, wird aber in 1 ½ Stunden erfolgreich kontrovers diskutiert.
Sonne über den Dächern von Beirut
Zwischen American University und Arabischunterricht bereiten Maxie und ich nach Monaten der Kälte die nächste Andacht endlich wieder auf dem Balkon vor. Da Freitags meist Lieder aus Taizé gesungen werden, kaufen wir Kerzen, bereiten Psalm und Lieder vor. Mit Gesang im Flüchtlingslager und Gesang in der Kapelle beginnt unser Wochenende, das einen weiteren Ausflug in den Süden und hoffentlich Zeit für eine neue Geschichte bereit hält: Während ich in Beirut freudig den Frühling erwarte, wurde in Österreich eine Ausschreibung für das Magazin veröffentlicht, in dem im letzten Jahr eine Geschichte von mir mit Bildern von meiner besten Freundin Dhara erschien. Ich hoffe, in den nächsten Tagen einige Zeilen auf's Papier zu bringen, um auch für die kommende Ausgabe einen Beitrag einreichen zu können.

Dienstag, 28. Februar 2017

Viele große Monster und eine kleine Krabbe.


Sonniger Blick von meinem Balkon
Ein weißgrauer Schleier verdeckt den Himmel über Beirut und es ist ein bisschen schwül, als mich zauberhafte Neuigkeiten aus Berlin erreichen: Ine, meine langjährige Wegbegleiterin und enge Freundin ist Mutter geworden. Die kleine Krabbe – so unser Arbeitstitel der letzten Wochen – heißt jetzt Lars und schmunzelt müde auf dem Foto, das mich am Morgen erreicht hat. Ich freue mich sehr, im Laufe der letzten Monaten nun bereits zum zweiten Mal gefühlt Tante zu werden, und bin schon sehr gespannt, ihn im Sommer kennenzulernen.
Am vergangenen Donnerstag feierten die Armenier ihren Heiligen St. Vartan, weshalb sowohl unsere, als auch die armenische Haigazian-Universität geschlossen blieben. Kein Grund jedoch, auf den zweistündigen Arabischunterricht und eine weitere Sitzung an der Amerikanischen Universität zu verzichten. Am Abend ging außerdem unser Theaterworkshop mit Atemübungen und viel bewusster Bewegung in eine zweite Runde.
Das Wochenende wird mit einer weiteren Stunde Gesang und Geschrei im palästinensischen Flüchtlingslager eingeleitet. Dieses Mal begleitet uns Sophia, eine schwedische Kommilitonin, die einen Newsletter über die Aktivitäten des christlichen Zentrums schreiben soll. Ungünstigerweise ist die Leiterin des Hauses trotz Verabredung nicht anwesend, und so kommt es, dass wir an diesem Freitag eine weitere Teilnehmerin in unserem Klassenzimmer begrüßen. Mittlerweile haben die Kinder klare Song-Favoriten, wenngleich die Lieder zum Muttertag noch immer im Vordergrund stehen. Um nicht dreißig Minuten lang die gleichen drei Zeilen zu singen, wechseln wir die Muttertagsmelodien mit Liedern über eine Busfahrt, fünf Affen und den Körperteilen auf Englisch ab.
Dass auch mein eigener Körper momentan wieder nach mehr Aufmerksam ruft, wird mir im Laufe des Tages deutlich. Ich versuche, mit einigen Yogaübungen und etwas Sport auf nicht enden wollende Schmerzen zu reagieren – beschließe aber dennoch, einige Tage später einen Termin beim Arzt zu vereinbaren. Wenngleich ich über jeden Moment in diesem Land sehr dankbar bin, wird mir dennoch langsam bewusst, dass es Zeit wird einen Ort zu finden, an dem ich mich für einen längeren Zeitraum niederlassen kann, um meine körperlichen Beschwerden ernsthaft anzugehen anstatt sie länger zu vernachlässigen.
Wie im Vorhinein geplant und angekündigt, steht am kommenden Nachmittag ein Besuch einiger muslimischer Studenten auf dem Plan, die uns an der Hochschule besuchen. Die Gruppe ist Teil der Adyan-Stiftung, die sich für interreligiösen Dialog im Libanon einsetzt. Bereits beim gemeinsamen Mittagessen kommen wir mit einigen Studentinnen ins Gespräch, das wenig später in aller Ausführlichkeit bei Kaffee und Keksen fortgesetzt wird. Ich bin beeindruckt und auch einigermaßen erstaunt, von einem hohen Maß an Offenheit und Selbstkritik, das zu spannenden Diskussionen führt. Dankenswerterweise schlägt Lydia vor, die Gespräche in eine weitere Runde gehen zu lassen, und so hoffe ich sehr, dass wir uns in Kürze erneut mit einigen Teilnehmern treffen werden.
Den Abend lassen Maxie, Mark, Jad und ich mit karamellisiertem Popcorn und dem Film „Manchester by the Sea“ im Kino ausklingen. Ein ruhiger Film mit einer traurigen Geschichte, der mich dank unaufgeregter Alltagskomik trotzdem immer wieder zum Lachen bringt. Wenig später beschließen Mark und Jad außerdem, Maxie und mich auf eine Überraschungsrunde in einer nahe gelegenen Spielhölle einzuladen. Meine Begeisterung hält sich zunächst in Grenzen, bis wir in einen kinoähnlichen Saal geführt werden, der eine Leinwand und Sitze mit Anschnallgurten für uns bereit hält. Angeschnallt und mit aufgesetzten 3D Brillen geht es los: Eine Welt voller Monster eröffnet sich uns auf dem Bildschirm, die mithilfe von Laserpistolen abgeschossen werden müssen. Aus 3D wird schnell 4D, als sich unsere Sitze passend zur Handlung bewegen, und den Eindruck erwecken, wir befänden uns inmitten der Szenerie. Wenn es etwas gibt, worin ich wahrlich nicht geübt bin, dann sind es Videospiele – und so verliere ich wenig überraschend Runde für Runde, während ich gegen Werwölfe und Monster kämpfe. Zwischenzeitlich fällt kurzerhand der Strom aus, weshalb wir ein weiters Spiel aufs Haus spendiert bekommen. Ein aufregendes Ende eines gelungenen Tages.
Der nächste Nachmittag steht im Zeichen der protestantischen Kirche von Syrien und Libanon, die an diesem Sonntag die erste Ordination einer Frau zelebriert. Rola Sleiman hat 1997 ihr Studium an der N.E.S.T abgeschlossen, und seither in einer Gemeinde in Tripoli gearbeitet. Zwanzig Jahre später erhält sie nun endlich das Recht und die Möglichkeit, als 'vollwertige' Pastorin arbeiten zu dürfen. Ein großer Tag, der mit einer kitschigen Torte, dröhnendem Feuerwerk und einem fantastischen Büffet gefeiert wird.
Die neue Woche startet mit einem Besuch im Orientinstitut, weil wir bis zum Ende der Woche eine kurze Evaluation unseres Zusammentreffen mit den muslimischen Studierenden verfassen müssen. Also schreibe ich, und lade währenddessen einige Rapperinterviews herunter. Wer sich auch nur im entferntesten für diese Form der Unterhaltung begeistern kann, sollte sich übrigens das ein oder andere Interview mit MC Bogy auf dem Youtube-Channel 'TV Strassensound' unter keinen Umständen entgehen lassen. Es ist mir jedes Mal aufs Neue eine große Freude.
Nur noch zwei Sitzungen trennen mich von der nächsten Klausur, und so werde ich mich in dieser Woche vermutlich vor allem den muslimisch-christlichen Beziehungen in vergangenen Zeiten widmen. Außerdem wird in unserem Ethik-Kurs eine schriftliche Auseinandersetzung mit einer libanesischen NGO gefordert, die ein Interview mit einem Vertreter der jeweiligen Einrichtung beinhalten soll. Momentan spiele ich mit dem Gedanken, mich mit den „Fighters for peace“ zu befassen, die an einer Aufarbeitung des libanesischen Bürgerkrieges mit Hilfe von persönlichen Zeitzeugenberichten arbeiten.
Langsam scheint sich der Frühling auf den Straßen von Beirut seinen Platz zu verschaffen. Der Regen wird weniger, die Temperaturen steigen. Ich hoffe, dass geschlossene Schuhe und leichte Winterjacken in Kürze zu Kleiderschrankrelikten verkommen werden. Mit Beginn der Fastenzeit steigt langsam die Vorfreude auf Ostern und den bevorstehenden Besuch aus Deutschland.
Zeit, sich ein wenig Gedanken über mögliche Reiseziele und Übernachtungsorte zu machen, um während der Osterferien möglichst viele Ecken des Landes besichtigen zu können. Bis dahin aber bestimmt der libanesische Alltag die Zeit, die hier wie im Flug zu vergehen scheint.

Mittwoch, 22. Februar 2017

They see me rollin':
Zwischen Waschmittelduft und Sightseeing auf Rädern.

Der staatlich verordnete Gedenktag für den ehemaligen Premierminister Hariri beschert uns einen unifreien Valentinstag. Mark – der maronitische Pilot mit St. Charbel-Faible – lädt Maxie und mich auf einen Ausflug in den Süden ein. Gemeinsam mit einem weiteren Pilotenfreund machen wir uns am frühen Vormittag auf den Weg. Vorbei an Bergen und Checkpoints fahren wir durch das bewölkte Land, um wenig später einen kurzen Halt im Ferienhaus des Freundes einzulegen.
Maxie im Wunderland

Immer wieder sticht mir bei Hausbesuchen der libanesische Einrichtungsstil ins Auge: Auch im Süden stoße ich auf einen Hauch von Kitsch, gepaart mit altmodischen Möbeln und mindestens einer Tüte zu viel Dekorationsartikeln. Aber Schönheit liegt bekanntermaßen im Auge des Betrachters. Nach einer kurzen Pause verlassen wir das Haus, das die Familie lediglich als Wochenend- und Ferienresidenz nutzt. Wir fahren weiter und verfolgen den Plan, wenig später die südliche Landesgrenze zu erreichen. Da unser Fahrer allerdings unter Zeitdruck steht, schaffen wir es nur bis nach Nabatiye. Unser Ausflug erinnert mich an einen Trip durch den Great-Smoky-Mountains-Nationalpark in den U.S.A, den ich trotz atemberaubender Natur zum Großteil im Auto verbrachte. Zeitdruck und eine Prise Planlosigkeit führen dazu, dass wir auch auf dieser Reise die meiste Zeit auf vier Rädern unterwegs sind. Wir verschaffen uns einen ersten Eindruck von Nabatiye aus den Fenstern des Wagens, und fahren wenig später nach Tyros, um an der Küste zu spazieren und Mittag zu essen.
Tyros
Als wir auf dem Rückweg an einem orientalischen Süßigkeitengeschäft halten, werden Maxie und ich erneut Zeuginnen der libanesischen Gastfreundschaft. Ahmed, der Pilotenfreund, beschließt kurzerhand uns ein ganzes Kilogramm süßes Gebäck zu schenken. Als wir versuchen, ihm Geld zurückzugeben, lehnt er es vehement ab. Dankbar und ein Kilo Süßigkeiten reicher kehren wir am Abend wieder an die N.E.S.T zurück.
Am nächsten Morgen steht nach langer Pause eine weitere Andacht an, die ich gemeinsam mit Maxie vorbereitet habe. Weil Mittwochs meist weniger gepredigt und mehr gesungen wird, stehen die zwanzig Minuten im Zeichen der Musik.
Den Rest des Tages verbringe ich in der Bibliothek, um damit zu beginnen, meine Buchrezension zu schreiben. 
Libanesische Kabelbruchlösungen
Weil mein Netzkabel spontan beschloss durchzubrechen, bin ich für eine Weile auf einen anderen Computer angewiesen und somit an die vier Wände der Hochschule gebunden. Weil 125 Dollar für ein neues Kabel 125 Dollar zu viel sind, liegt die beschädigte Stromzufuhr bei Toni, den ich darum gebeten habe eine Lösung zu finden. Toni, das ist der Besitzer des kleinen Elektroladens, der sich gleich um die Ecke befindet. Als das reparierte Stück am Abend zur Abholung bereits steht, erzählt mir der Verkäufer den ein oder anderen Schwank aus seinem Leben. Er berichtet von seiner Ehe mit einer Frau aus Hamburg Ende der 70er, schwärmt von einer Kirche irgendwo in der Nähe von Köln und schimpft über den Verfall der libanesischen Währung. Nach einem kurzen Exkurs über die Gemeinsamkeiten von Kölsch und dem libanesischen Bier Almaza verabschieden wir uns mit einem 'Tschüss'.
Neben den üblichen Seminaren und dem wöchentlichen Besuch im Flüchtlingslager stand in der letzten Woche die Arbeit an der Buchzusammenfassung im Vordergrund. Gestern Abend habe ich das zehnseitige Dokument erfolgreich abgeschickt und somit immerhin die erste schriftliche Aufgabenstellung des Sommersemesters hinter mir.
Nachdem es im vergangenen Semester wöchentlich die Möglichkeit gab, in der 'Art Lounge' zu basteln und zu malen, wird nun ein neues Programm an der Hochschule geboten: Jeden Donnerstag gibt es seit letzter Woche die Möglichkeit, im Drama Workshop die Grundlagen und Möglichkeiten des Theaters kennenzulernen. Im Vordergrund stehen keine großen Stücke, sondern eher kurze Sequenzen, Sprechtechnik und Körpergefühl. Im überdimensionierten Auditorium, das viel zu selten genutzt wird, setzen wir uns in der ersten Woche mit Bewegung und unserer Position auf der Bühne auseinander. Eine gute Gelegenheit, auch ohne die sich wiederholenden Gespräche am Abendbrottisch miteinander in Kontakt zu kommen – Ich bin gespannt auf die kommenden Sitzungen in den nächsten Wochen.
Zeit für neue Post! 
Auch am Wochenende verbringe ich einen Großteil meiner Zeit in Cafés und Bibliotheken, am Samstagabend aber machen es sich Maxie und ich bereits zum dritten Mal mit Harry Potter und Mikrowellenpopcorn gemütlich, um den zweiten Teil der Filmreihe anzusehen. Bei einem kleinen Shoppingausflug durch Hamra bin ich nicht nur bei einem American-Eagle-Einkauf endlich erfolgreich, sondern entdecke auch die Möglichkeiten einer kleinen Parfümerie, in der man sich seinen eigenen Duft zusammenstellen kann. Neugierig und etwas zurückhaltend betreten Maxie und ich den Laden, in dem zahlreiche leere Flacons ausgestellt werden. Maxie erklärt dem syrischen Verkäufer, dass wir uns auf der Suche nach einem Waschmittelduft befinden – bevor uns der freundliche Mann wenige Sekunden später einen goldene Flasche öffnet, und strahlend zum Geruchstest einlädt. Sein erster Griff ins Regal war ein ziemlicher Volltreffer – uns zieht ein Duft in die Nase, der tatsächlich an ein starkes Waschmittel erinnert. Womöglich gar ein bisschen zu stark, und eine Prise zu zitruslastig. Also testen wir uns von Flasche zu Flasche, bis sich jede von uns eine eigene Kombination zusammenstellt und für wenig Geld als Duftöl-Roller mit nach Hause nimmt.
Der Geruch von frischer Wäsche
aus dem Duftroller
Eine kleine Entdeckung in einer der Nebenstraßen unseres lauten Viertels.
Die neue Woche beginnt mit den üblichen Kursen und einem Erdbeermarmeladencrêpe mit einer Kaffeebekanntschaft von Maxie.
Am kommenden Wochenende steht im Rahmen des Kurses zum Thema der muslimisch-christlichen Beziehungen ein Treffen mit muslimischen Studierenden auf dem Plan. Außerdem werden wir gemeinsam mit der Hochschule nach Tripoli fahren, um an einem Gottesdienst teilzunehmen, in dem die erste Frau in der protestantischen Kirche des Nahen Ostens offiziell ordiniert wird.
Ob ich eines Tages ebenfalls ordiniert werde, bleibt nach wie vor offen. Toni, der Verkäufer im Elektroladen, konnte sich das nicht so recht vorstellen. „Darfst du dann mal heiraten?“, fragt er mich. Ich nicke. Als er erfährt, dass mein Vater ebenfalls Pfarrer ist, und nach seiner  Ehe zwischenzeitlich eine andere Frau hatte, ist Toni erstaunt. „Was für ein unartiger Pfarrer!“, sagt er und grinst schelmisch. „Well.. Welcome to Protestantism“, antworte ich und blicke auf die vielen kleinen Heiligenbildchen, die sich in seinem vollgestopften Laden befinden.
Wohin mich mein Weg letztlich führt, bleibt offen. Eine Option hat sich im Laufe des heutigen Tages jedenfalls aus der Liste der Möglichkeiten eliminiert: Das Volontariat beim NDR, für das ich mich vor einigen Monaten beworben habe, kommt nach einer Absage, die bereits vor einem Monat fälschlicherweise im Spam-Ordner landete, nicht länger in Frage.
Vielleicht werde ich mich trotzdem in den hohen Norden aufmachen, um dort mein Studium fortzuführen und näher bei Jan zu sein. Oder aber es ergibt sich ein Grund und eine Möglichkeit, in meine kleine Wohnung nach Berlin zurückzukehren. Es bleibt spannend.

PS: Maxie hat in Kooperation mit der ARD eine Kurzdoku über ihr Auslandsstudium gedreht. Wer den Link noch nicht via Facebook erhalten hat, findet das Projekt hier (7 Sekunden Stobbi inklusive).

[Musikalische Titelerläuterungen]: 


Montag, 13. Februar 2017

Charbels wissen wer der Babo ist.




Ein sonniger Tag im Zentrum der Stadt
Die zweite Februarwoche und das neue Semester beginnen mit einem Stuhlkreis und einer lebendigen Diskussion. Gemeinsam mit unserer Dozentin Dr. Rima werden wir in den kommenden Monaten über ethische Grundfragen und theologische Ansatzpunkte diskutieren. Während das Ostkirchen-Seminar im vergangenen Semester einer Vorlesung glich, in der wir primär anwesend waren um den Ausführungen unserer Dozentin zu lauschen, sollen in diesem Seminar unsere Meinungen und ein reger Gedankenaustausch im Vordergrund stehen.
Im Anschluss erwartet uns ein Einführungsseminar in die Geschichte der muslimisch-christlichen Beziehungen, das von Islam-Dozent Dr. Ford vermittelt wird.
Nach über vier Monaten im Land hat sich ein Hauch von Routine in den Studienalltag geschlichen. Ich habe Orte gefunden, an denen ich meine Studienlektüre mit einer frischen Minzlimonade genießen kann, und die mir ein zweites Wohnzimmer geworden sind. Wenn ich einigermaßen zuverlässiges Internet benötige, lohnt ein Ausflug ins Orient-Institut.
Apple Crumble, Cappuccino und Lektüre
Da Maxie und ich für den Muttertag mit den Kindern im Flüchtlingslager noch einige Lieder benötige, spaziere ich am Montagmittag in die deutsche Bibliothek, um mit Hilfe von Google und Youtube passende Texte und Melodien herauszusuchen. Außerdem genehmige ich mir ein paar deutsche Polit-Talkshows, für die mir an der Hochschule nicht genug Internet zur Verfügung steht.
Am Abend spazieren Maxie, Lydia und ich in die neue Sprachschule, in der unsere bereits dritte Lehrerin auf uns wartet. Im Gegensatz zu den Unterrichtseinheiten bei den anderen Dozierenden habe ich nun endlich den Eindruck, Sprachunterricht bei einer qualifizierten und motivierten Lehrerin genießen zu können. Auch wenn das Tempo für meinen Geschmack etwas schneller sein dürfte, ist der Unterricht insgesamt wesentlich besser als alles bisher Dagewesene.
Meine vergangene Woche? 251 Seiten Uni-Lektüre
Da wir auch in diesem Semester gefragt sind, jede Menge schriftliche Leistungen für unsere Seminare einzureichen, bleibt keine Zeit für lange Verschnaufpausen. Bereits am Dienstag beginne ich mit der Lektüre eines Buches, das ich für das Seminar von Dr. Ford in einem Essay zusammenfassen soll. “The Crescent through the Eyes of the Cross“ (Der Halbmond durch die Augen des Kreuzes) heißt das Werk von Dr. Nabeel T. Jabbour, das ich im Laufe der Woche in Cafés zwischen Hamra und Gemmayzeh lese. Der arabisch-christliche Autor hat es sich zum selbsterklärten Ziel gemacht, einem christlichen Publikum die muslimische Perspektive auf das Christentum näher zu bringen. Letztlich aber scheint es vor allem um die Frage zu gehen, wie christliche Mission unter Muslimen möglichst fruchtbringend vonstatten gehen kann.
Dass es nicht nur im christlich-muslimischen, sondern auch im innerislamischen Diskurs zu Kommunikationsschwierigkeiten kommen kann, wurde bei einem öffentlichen Gespräch zwischen einem Shiiten und einem Sunniten an unserer Hochschule sichtbar. Im Vorfeld wurde der Dialog auf dem Podium als wichtiger Beitrag zum interkonfessionellen Dialog angekündigt – letztlich aber nutzten die beiden Repräsentanten ihre Redezeit für zwei mehr oder minder unabhängige Monologe. Wenngleich beide Redner die gemeinsamen Werte und Überzeugungen in den Vordergrund ihrer Argumentation stellten, schien ein konstruktiver Austausch mit Raum für Differenzen nicht in ihrem Interesse. Angesichts der starken Spannungen zwischen den beiden Strömungen stand letztlich jedoch die Bereitschaft im Vordergrund, überhaupt einen gemeinsamen Auftritt durchzuführen und ähnliche Standpunkte im Blick auf Werte und Ideale zu vertreten. Eine repräsentative Veranstaltung, die währenddessen von einem TV-Sender aufgezeichnet wurde.
Drei Heilige der Maroniten. In der Mitte: Saint Charbel.
Am Donnerstag feierten die Maroniten, die größte christliche Glaubensgemeinschaft des Landes ihren Namensgeber St. Maron, weshalb Schulen und Universitäten geschlossen blieben. Die Maroniten gehören der katholischen Kirche an und verehren eine Vielzahl von Heiligen. Der wohl bedeutendste aber ist Saint Charbel, ein libanesischer Mönch, der 1977 heiliggesprochen wurde. Der Mann mit langem Bart und Mönchskutte findet sich in Kirchen, Wohnungen und Autos maronitischer Christen wieder. Den Feiertag lassen Maxie und ich bei Bier und Skat mit ihrem maronitischen Bekannten Mark ausklingen. Obwohl sich der junge Pilot nicht als sonderlich religiös bezeichnet, scheint ihm der Heilige alles andere als egal. Als wir wenige Tage später einen Abend in der Wohnung seiner Großmutter verbringen, in der auch er zeitweise lebt, finden wir den Heiligen in jeder denkbaren Ecke. Ob als Figur im Flur, Sticker an der Wand oder Magnet auf dem Kühlschrank: An St. Charbel kommt hier keiner vorbei.
So präsent wie St. Charbel ist in diesen Tagen sonst nur Harry Potter, der Maxie und mir die Abende versüßt. Nachdem Lydia und Maxie in den letzten Monaten die Bücher als Audiofassung rauf und runter gehört haben, beschließen Maxie und ich am Freitagabend, einen kleinen Filmabend in ihrem Zimmer zu veranstalten. Gleich um die Ecke von der Hochschule befindet sich ein kleiner Laden, in dem gebrannte Filme für umgerechnet zwei Euro verkauft werden. Er ersetzt den fehlenden Streaminganbieter oder eine gute, alte Videothek. Mit Mikrowellenpopcorn, Mandalas und dem Orden des Phönix machen wir es uns vor dem Laptop gemütlich. Eine gute Gelegenheit, den Studienalltag zu vergessen und von einer Welt zu träumen, in der man sich sein Essen zaubern kann. Das Abendessen bringt uns im Nichts zurück in die Realität. Zu unserer Freude stellt sich zwischen Schwarztee und undefinierten Speisen aber auch heraus, dass eine Kommilitonin im Besitz der gesammelten Harry Potter Filme ist. Wir beschließen kurzerhand, viele Jahre in die Vergangenheit zu reisen, und das gesamte Werk erneut anzusehen. Zwei Tage später beginnen wir mit dem ersten Teil. Kaum ein Buch hat mich wohl so durch meine Kindheit und Jugend begleitet, wie die Geschichten aus Hogwarts.
Kaffee. Lesen. Schreiben. Repeat.
Die dritte Februarwoche beginnt mit einem gewöhnlichen Uni-Tag, den üblichen Seminaren und der täglichen Andacht. Mit meinen Gedanken bin ich an diesem Montag bei meinem Patenkind und ihrer Familie, die heute vor einem Jahr ihren Vater verloren hat. Der morgige Valentinstag ist ein Trauer- und Feiertag zugleich: Da am 14. Februar 2005 der ehemalige Ministerpräsident Rafiq Hariri ermordet wurde, bleiben alle öffentlichen Einrichtungen wie auch unsere Hochschule geschlossen. Nichtsdestotrotz wird auch hier – ähnlich wie in Deutschland und vielleicht noch eine Spur kitschiger - seit Tagen mit roten Rosen, pinken Bärchen und Schokolade in Herzform für den internationalen Tag der Liebe geworben. Für mich hat der Valentinstag erst im letzten Jahr an Bedeutung gewonnen:  Trotz der vielen Kilometer, die Jan und mich derzeit trennen, feiern wir (zumindest in Gedanken) am 14. Februar anderthalb gemeinsame Jahre.
Ich denke an unsere erste Begegnung im Juni 2008, als wir in Heidelberg beim 23. Geburtstag eines gemeinsamen Freundes aufeinandertrafen. Erinnere mich an stundenlange Telefonate und endlose Nachrichten zwischen Berlin und Adelshofen, bevor der Kontakt für sieben Jahre im Sand verlief. Habe den Moment vor Augen, als wir uns im Juni 2015 beim 30. Geburtstag desselben Freundes wiedertrafen, und die Korrespondenz von vorne begann – dieses Mal mit Happy End. 
„Gehend entsteht und stehend entgeht“ - Ein Satz, der mich seit meiner Oberstufenzeit begleitet und der die vergangenen anderthalb Jahre zwischen Kiel, Berlin und Beirut treffend zu beschreiben scheint. Ich bin sehr dankbar, einen zuverlässigen Partner, Schokoladenlieferanten, Wortspielkünstler, Handyspielprovider, aufmerksamen Zuhörer und außerdem ein weiteres zu Hause in Norddeutschland gefunden zu haben.
Bleibt zu hoffen, dass es mir und uns in den kommenden anderthalb Jahren trotz Reiselust und Bewegungsdrang gelingt, etwas mehr Zeit füreinander zu finden.
Bis dahin aber bleibe ich gespannt auf die kommenden Wochen und Monate in Beirut, in denen der Alltag mich immer wieder zu überraschen weiß und nicht aufhört, unablässig neue Geschichten zu schreiben.
[Wer mit dem Titel auch dieses Mal nichts anfangen kann]:





Sonntag, 5. Februar 2017

Libanesische Höflichkeit: Das Tankstellenprinzip.


Man könnte meinen, als Deutsche im Libanon befände man sich in der Minderheit. Hin und wieder begegnet man internationalen Studenten, meist mit einem starken amerikanischen Akzent. Touristenansammlungen vor beachtenswerten Sehenswürdigkeiten sind eine Ausnahme. Als Maxie und ich am Dienstagmorgen zum dritten Mal das Klassenzimmer an der amerikanischen Universität betreten, müssen wir jedoch feststellen, dass wir auch hier nicht unter uns sind. Stattdessen sitzen mit uns noch vier weitere Deutsche in dem Kurs, an dem etwa zwanzig Studierende teilnehmen. Nachdem das Vorlesungstempo in den ersten zwei Stunden eher langsam voranschritt, scheint der Dozent an diesem Morgen motiviert, weit auszuholen und die Vorgeschichte des Nahostkonflikts in aller Ausführlichkeit zu erläutern.
Den zweiten freien Nachmittag verbringen Maxie und ich mit Mandalas und Rapperinterviews. Ein entspannter Start in eine programmreiche Woche. In einem günstigen Kaufhaus legen wir uns außerdem eine Outdoorhose in doppelter Ausführung zu, die am kommenden Tag zur Skihose umfunktioniert wird.
Mit etwas Verspätung hält am Mittwochmorgen das 'Snow-Taxi' vor unserer Tür, und unser Fahrer Mario bringt uns in einer anderthalbstündigen Fahrt in die Berge. Mario spricht kaum Englisch, fordert aber Maxie dazu auf, ihre Musik an das Autoradio anzuschließen und das kleine Auto in einen morgendlichen Partybus zu verwandeln. Zwischen Deutschrap und entspannten Klängen wird der Druck auf den Ohren Serpentine für Serpentine stärker.
Faraya
Auf dem Weg hält Mario an zwei Tankstellen, um sich Wasser und Snacks zu kaufen. „Badkun shi?“ - Braucht ihr etwas? fragt er er jedes Mal, bevor er das Auto verlässt. Wir verneinen freundlich, und werden dennoch bei jedem Halt mit Tankstellengut versorgt. Beim ersten Stop schenkt er jeder von uns eine Flasche Wasser, bei der zweiten Station auf dem Rückweg werden wir mit Süßigkeiten und Trinkpäckchen überhäuft. Die libanesische Gastfreundschaft und scheinbar grenzenlose Höflichkeit überraschen mich immer wieder aufs Neue. Auch als Jan und ich im vergangenen November in einem Air'bnb unterkamen, wurden wir vom Besitzer des Appartements reich mit Getränken und Süßigkeiten beschenkt.

Oben angekommen, erwarten uns im Ski-Gebiet 'Faraya' eine vernebelte Schneelandschaft und -7 Grad. Der Ski-Verleih stattet uns mit Schuhen, Skiern und einem Snowboard für Lydia aus. Nach über zehn Jahren stehe ich plötzlich wieder auf Skiern, und lasse mir von Maxie erklären, wie ich möglichst langsam und sicher an das Ende der Piste gelange. Ich versuche, möglichst große Kurven zu fahren – was mir mal mehr und mal weniger gelingt - und schaffe es immerhin, im Laufe des Tages kein einziges Mal hinzufallen. Ein erfreulicher Umstand angesichts der Tatsache, dass ich eine nur begrenzt wasserfeste und einigermaßen improvisierte Funktionshose trage. Nach einer Pause am Mittag beglückt uns die Sonne, die langsam zwischen den Wolken hervorkommt, und dem zauberhaften Ski-Gebiet endlich ein Gesicht gibt. Mit klarer Sicht lässt es sich leichter fahren, und ich genieße den Blick auf die weiß gezuckerten Berge. Am Abend bringt uns Mario wieder zurück nach Beirut.
Tyros
Für den Donnerstag haben einige Studierende der N.E.S.T einen Ausflug ins südlich gelegene Tyros geplant. Da die Gruppe jedoch bereits am frühen Morgen abreist, gehe ich zunächst davon aus, auf Grund meiner Vorlesung an der AUB nicht teilnehmen zu können. Lydia aber überrascht mich mit einer kurzen Nachricht am Morgen, und beschließt auf mich zu warten. So fahren wir am frühen Nachmittag zu zweit in den Süden, und stoßen wenig später auf den Rest der Gruppe, die auf Grund des starken morgendlichen Verkehrs nur wenig früher an ihr Ziel gelangte als wir. 
Nach einem Mittagessen am Meer bestaunen wir die großen Ausgrabungen aus der Römerzeit, die Teil des UNESCO-Weltkulturerbes sind. Zwischen den beeindruckenden Säulen und Ruinen fällt wieder ein Mal auf, dass der Libanon auf Grund der instabilen politischen Situation und seiner geographischen Lage unter einem gravierenden Image-Schaden leidet, der dem Land und seinem kulturellen Reichtum alles andere als gerecht wird. Während sich eine vergleichbare Ausgrabungsstätte in Europa vor Besuchern vermutlich kaum retten könnte, spaziert unsere Gruppe nahezu allein über's Gelände. 
Wir schlendern durch die kleinen bunten Gassen, während wir über zahlreiche Märtyrerbilder und Portraits von Hassan Nasrallah stolpern: Es ist unverkennbar, dass wir uns im Süden des Landes befinden. Neben einer alten Burgruine der Kreuzfahrer finde ich im Sand unzählige spiralförmige Muscheln, von denen einige am Abend in meiner Jackentasche mit mir zurück nach Beirut kehren. Am Abend lernen Maxie und ich bei einem Bier mit einem Bekannten das Ausgehviertel 'Badaro' kennen. 
Auf dem Weg zum Hafen von Tyros
Das Wochenende wird mit einem ruhigen Freitag eingeleitet, an dem wir versuchen, den Kindern im Flüchtlingslager ein erstes Lied zum Muttertag beizubringen. Für die erste Runde läuft es vor allem mit den älteren Kindern ganz erfolgreich. Den Nachmittag und Abend nutze ich, um etwas Schlaf nachzuholen und mit Jan zu telefonieren.
Etwas Zeit, um Kraft zu tanken, bevor ich am kommenden Morgen mit Maxie und zwei ihrer libanesischen Freunde, Mark und Jad, ins Chouf-Gebirge fahre. Die beeindruckende Gegend, die mich an das Qadisha-Valley erinnert, wird vor allem von Drusen bewohnt.

Hannah, Maxie und der freundliche Friseur
Wenig ist über die drusischen Riten und Traditionen bekannt. Umso erfreulicher, als sich am Nachmittag die Gelegenheit ergibt, einen drusischen Friedhof zu besichtigen. In meinem Reiseführer, der bereits 1998 veröffentlicht wurde steht, man müsse sich beim Elektroshop gegenüber nach dem Schlüssel erkundigen. Einen Elektroshop finden wir nicht, dafür aber einen Friseur, der auf unsere Nachfrage prompt mit einem Nicken und einem Anruf reagiert. Wenige Minuten später kommt ein Mann auf seinem Motorrad angefahren, um sowohl den Schlüssel, als auch einen Stapel Broschüren über den Friedhof mitzubringen. Der freundliche Friseur beschließt kurzerhand, eine Arbeitspause einzulegen, und uns stattdessen in gebrochenem Englisch die einzelnen Elemente des Friedhofes zu erklären.


Auf dem drusischen Friedhof

Wie Pocahontas fühlen am natürlichen Pool <3
Die symbolische Vielfalt und die Bedeutung hinter den Skulpturen überraschen mich: Zwischen einem Ei, das symbolisch für das Leben steht, geheimnisvoll anmutenden Pyramiden und einer Lotuspflanze befinden sich auf dem Gelände auch verschiedene Elemente, die andere Religionen berücksichtigen: So lassen sich auf dem Friedhof auch Yin & Yang und eine Buddha-Figur finden, die für die Einheit Gottes in der Gesamtheit der Religionen stehen sollen. Ein klares Highlight auf unserer Tour.

Außerdem zeigen uns Mark und Jad nach längerem Suchen einen natürlichen Pool, in dem man im Sommer von der Klippe springen und baden gehen kann. Von den viel gepriesenen Zedern finden wir bedauerlicherweise nur eine, da der Weg in den Zedernwald wegen Schnee und Glätte gesperrt ist. Als wir auch auf diesem Ausflug mehrfach an Tankstellen halten, wiederholt sich das Spiel, das uns spätestens seit der Ski-Fahrt mit Mario bekannt ist: 'Badkun shi' – Braucht ihr etwas?, fragen die beiden höflich. Wir lehnen dankend ab, und bekommen wenig später Orangensaft und Erdnüsse überreicht. Zurück in Beirut werden wir obendrauf kurzerhand zum Essen eingeladen. 
Blick über das Chouf-Gebirge
Jede Abweichung von Kantinenessen ist mir eine willkommene Abwechslung.. Zurück an der N.E.S.T lassen Maxie und ich den Abend mit einem Film ausklingen.
Den letzten Tag der Ferienwoche verbringe ich im achten Stock der Hochschule, um auf das leuchtende Meer zu blicken und die Erlebnisse der letzten Tagen zusammenzufassen. Ab morgen beginnt das Sommersemester, in dem nicht nur die Kurse, sondern auch unser Arabischunterricht in eine zweite Runde gehen.